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Erfolg der Migrantenliteratur : Sag oft genug Amerika!

So etwas ähnliches wie ein Zuhause: Junot Dìaz, 45, in seinem Apartment in New York Bild: action press

In den Vereinigten Staaten sind die Bücher von Immigranten längst in den Bestsellerlisten angekommen. Sie erzählen nicht nur die Geschichten der Einwanderer, sondern drehen sich um die Frage unserer Zeit: Wo kommst du her?

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          Es hat seine ganz eigene Poesie, wenn man die Namen aufzählt, die heute eher früher als später fallen, sobald man über die interessantesten Autoren der englischsprachigen Literatur spricht: Jhumpa Lahiri, Chang-rae Lee, Junot Díaz, Edwidge Danticat, Mohsin Hamid, Chimamanda Ngozi Adichie, Susan Choi, Dinaw Mengestu, Tan Twan Eng, Jeet Thayil, NoViolet Bulawayo. Auf jeder Shortlist amerikanischer (oder auch britischer) Literaturpreise stehen seit ein paar Jahren Namen wie diese, Namen von Autoren, die keine native speaker des Englischen sind, Autoren, deren Muttersprache Amharisch heißt oder Malayalam oder Igbo. Viele von ihnen haben die Sprache ihrer Kindheit längst verlernt, ihre Pässe weisen sie als Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika aus, und auch wenn es ihnen manchmal seltsam vorkäme, Amerika ihre Heimat zu nennen, scheinen sie sich immerhin in ihrer Zweitsprache zu Hause zu fühlen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Immigrantenliteratur“ ist der Begriff, auf den sich ihre Bücher bringen lassen, nicht nur, weil diese Autoren in einem anderen Land geboren wurden, sondern schon auch, weil es Geschichten der Einwanderung sind, die sie erzählen, Geschichten vom Weggehen und Nie-ganz-Ankommen. Es ist ein hilfloses und unverschämtes Wort, weil in der Anerkennung, die es ausdrücken will, immer auch eine Geringschätzung mitschwingt: Wer es bemerkenswert findet, wie gut all diese Autoren die englische Sprache beherrschen, der meint eben auch leicht: für einen Immigranten.

          Dabei liegt die Kraft ihrer Geschichten nicht darin, dass sie irgendwie repräsentativ wären für eine universelle Migrantenerfahrung oder dass sich ihre Stimmen gar zu einer Bewegung zusammenfassen ließen, die antritt, um etwa gegen die Stadtspaziergangsprosa weißer Akademikersöhne aus Brooklyn zu protestieren. Wenn es überhaupt einen Grund gibt, ihre Bücher wie die Bände eines großen Einwanderer-Epos zu lesen, dann, weil es eben nicht die eine Geschichte gibt, die die indische Professorentochter mit dem Sohn politischer Flüchtlinge aus Äthiopien oder dem eines dominikanischen Fabrikarbeiters verbindet.

          Traum und Albtraum der Arriviertheit

          Der Blick der Neuankömmlinge auf das Land ist schon deshalb immer ein besonderer, weil er zunächst nur einen Ausschnitt zeigt, und dass es sich dabei um ein Zerrbild handelt, verstärkt eher die literarische Wahrhaftigkeit. Es ist die enge Perspektive der Diaspora und manchmal nicht einmal die. Für Yunior, das Alter Ego von Junot Díaz’ aus dessen autobiographisch gefärbten Kurzgeschichten, ist es der Blick auf die im Schnee spielenden Nachbarskinder durch die beschlagenen Fenster.

          In „Invierno“, einer der Storys aus dem neuen Band „Und so verlierst du sie“, schildert Díaz, wie Yunior die ersten Monate nach seiner Ankunft aus der Dominikanischen Republik erlebte. Nach fünf Jahren hatte der Vater die Familie nach New Jersey geholt, Yunior, seinen Bruder Rafa und deren Mutter, aber die Freude über das eigene Zimmer und die funktionierende Toilettenspülung im neu gebauten Apartment hält nicht sehr lange. Draußen ist Winter, aber der Vater ein Tyrann, der den Kindern verbietet, das Haus zu verlassen. „Es ist zu kalt, sagte Papi einmal, aber in Wahrheit war der einzige Grund, dass er es so wollte.“ Statt Schneemänner und Iglus gibt es Zimmerarrest und stundenlanges Fernsehen, Englischunterricht von der „Sesamstraße“. „Es war unser erster Tag in den Staaten. Die Welt war zu Eis erstarrt.“

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