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Tiergeschichte : Vom Sparschwein und anderen „Schweinereien“

Gewusst wie: Frischlinge kann man zu Haustieren umerziehen. Auch das lernt man im neuen Buch von Thomas Macho. Doch Vorsicht: Der Autor unkt auch von unserem Gefressenwerden. Bild: dpa

Dass sie uns ähneln, ist nicht zu leugnen, doch gut gefahren sind sie deshalb mit uns nicht gerade: Thomas Macho schreibt eine kleine Kulturgeschichte unserer Beziehungen zum Schwein.

          3 Min.

          Sechsundvierzig Schweine verzehrt ein Deutscher im Durchschnitt im Lauf seines Lebens, die Tiere selbst – allein sechzig Millionen pro Jahr werden hierzulande geschlachtet – sind dagegen so gut wie unsichtbar. Verbannt in anonyme Riesenhallen der Mastanstalten, im industriell organisierten Tod den Schlachthöfen und Fleischfabriken ausgeliefert. Schon in diesem Punkt scheint die Ausgangsthese von Thomas Macho, dem in Berlin lehrenden Kulturwissenschaftler, ein wenig defensiv: „Schweine sind uns nah und fern zugleich.“ Sie sind intelligent, neugierig, verspielt. Sie sind wild, gefährlich und mutig. Wenn sie umgebracht werden, schreien sie wie wir. Der Geschmack ihres Fleisches ähnelt dem von Menschenfleisch. Im Mittelalter hat man Schweinen den Prozess gemacht.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Machos im Untertitel angekündigtes Porträt ist eigentlich eine Kulturgeschichte des Schweins, ergänzt durch ein illustriertes Glossar der wichtigsten Schweinerassen. Wie alle Bände dieser hübschen Reihe, der „Naturkunden“, geschmackvoll präsentiert und mit roter Fadenheftung das viele Blut versinnbildlichend, das unsichtbar durch diesen schmalen Band fließt. Von Anfang der Geschichte an scheint das Schicksal dieses Tiers besiegelt gewesen zu sein – als Fleischlieferant. Denn als Lasttier taugte das Schwein ebenso wenig wie als Zug- oder Reittier, es produziert keine Milch, sondern wird als Allesfresser dem Menschen in prekären Ernährungssituationen sogar zum unliebsamen Konkurrenten. Und so wie man Frischlinge des Wildschweins zum Haustier umerziehen kann, so verwildern Hausschweine, wenn sie in die Freiheit entkommen.

          Wie es sich für eine Kulturgeschichte gehört, widmet sich Macho ausführlich dem Umgang mit Schweinen im alten Ägypten, in der griechischen und römischen Antike. Als unrein galt das Schwein den Pharaonen, doch schon bei den Griechen stellt sich die Sache anders dar. Die Jagd auf den Erymanthischen Eber, der Sage nach größer und wilder als ein spanischer Stier, zählte zu den Heldentaten des Herakles. Und als Odysseus, als Bettler getarnt, zurück nach Ithaka kommt, wird er vom Schweinhirten Eumaios, der eigentlich ein Königssohn ist, mit zwei Ferkeln und später einem Eber bewirtet – die Geburtsstunde des Gyros? Die Sagenwelt kennt auch die Geschichte der Amme Baubo, welche die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter aufheitert, indem sie ihr, auf einem Schwein reitend, ihre rasierte Scham präsentiert – woraus auf vielen Umwegen später das Sparschwein wurde.

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          Die verfressenen Römer hatten viel Sympathie für die Gattung „sus“, sogar ein Grab für ein Schwein wurde gefunden, es trug die Aufschrift „Porcella hic dormit...“ (Hier schläft in Frieden ein Schweinchen. Es lebte 3 Jahre, 10 Monate und 13 Tage). Das Christentum hat mit Antonius sogar einen eigenen Heiligen als Schutzpatron der Bauern, Schweinehirten und Metzger hervorgebracht. So unrein das Schwein Juden und Muslimen gilt, bei den Chinesen ist es durchaus positiv besetzt. Im Jahr des Schweines Geborenen schreibt man „Toleranz, Vertrauen, Edelmut und Moral“ zu. Im zwanzigsten Jahrhundert macht das Schwein als Symboltier eine Karriere in Hollywood: Disney schickt „Die drei kleinen Schweinchen“ ins Rennen, Miss Piggy regiert die „Muppet-Show“, und das „Schweinchen namens Babe“ füllt vor zwanzig Jahren die Kinokassen. Wie sehr Churchill recht hatte mit seiner Bemerkung, das Schwein begegne dem Menschen – anders als Hund und Katze – auf Augenhöhe, zeigt sich auch in dessen Sexualisierung. Die erotische Aufladung rekapituliert Macho unter anderem anhand des Romans „Schweinerei“ (Truismes) der Französin Marie Darrieussecq. Freilich: So sehr uns Werwölfe in den Bann schlagen, Schweinemenschen bleiben in Mythologie und Dichtung eine Randerscheinung.

          Und die Wirklichkeit des Nutztiers sieht ohnehin ganz anders aus, daran lässt Macho keinen Zweifel, auch wenn er als Naturkundler ganz Historiker und Philologe bleibt. Weder, räumt er ein, hat er jemals einen Schlachthof von innen gesehen, noch hat er auch nur eines der sechstausend Berliner Wildschweine gesichtet, noch kam er einem lebenden Tier im Stall nahe. Stattdessen schwant ihm am Ende, dass eines Tages die Umkehrung des Verhältnisses, unser Gefressenwerden, kommen könnte. Was die Folgen unseres Umgangs mit Tieren angeht, war Hans Wollschläger 1987 mit seinem Traktat „Tiere sehen dich an“ radikal weiter – er hatte aber auch kein Erbauungsbüchlein für die gebildeten Stände im Sinn.

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