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England : Melancholie am Herd

  • -Aktualisiert am

Lesen Frauen anders? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sind Bücher von Frauen oft „fad, deprimiert und häuslich“, handelt Frauenliteratur oft nur von Küche und Herd? In England ist angesichts der Verleihung des Orange Prize for Fiction eine Debatte entbrannt.

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          So wie Thomas Carlyle beschlossen haben soll, die London Library zu gründen aus lauter Ärger darüber, daß Thomas Babington Macaulay in der British Library bevorzugt behandelt wurde, ist auch der Orange Prize for Fiction im Zorn entstanden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Den Anstoß gab die Liste der sechs Autoren, die 1991 für den Booker-Preis in die engere Wahl kamen: Es waren ausschließlich Männer. Daraufhin tat sich eine Gruppe von Verlegern, Kritikern, Bibliothekaren, Buchhändlern und Autoren zusammen, um der vermeintlichen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts durch den Buchbetrieb entgegenzutreten mit einem Preis, von dem Männer ausgeschlossen sind.

          Zum zehnten Mal vergeben

          Es dauerte einige Jahre, bis alles geregelt war vom Preisgeld, das eine anonyme Geldgeberin stiftete, über die Statuten, die bestimmen, daß auch die Jury nur aus Frauen bestehen darf, um dem weiblichen Rezensionswesen hochzuhelfen, bis hin zum Sponsor, dem Mobilfunkanbieter Orange, nach dem die Autorinnen aus dem englischen Sprachraum vorbehaltene Auszeichnung benannt ist.

          Gegen „Gettoisierung”: A. S. Byatt

          1996 war es soweit. Inzwischen rangiert der mit 30.000 Pfund ausgestattete Orange Prize gleich hinter den zwei höchsten Auszeichnungen des britischen Literaturbetriebs, dem Booker-Preis und dem Whitbread-Buch des Jahres. Am heutigen Dienstag wird der Preis zum zehnten Mal vergeben. Zum Jubiläum wird eine Jury das „beste“ Buch aus den bisher prämierten Titeln auswählen. Zudem ist ein mit 10.byatt000 Pfund dotierter Nachwuchspreis für ein Debüt eingerichtet worden.

          Spott von vielen Seiten

          Die Gründer hatten in ihrer feministischen Begeisterung nicht mit dem Spott gerechnet, der von vielen Seiten über ihr Anliegen geschüttet wurde und, wie sich in den letzten Wochen zeigte, mitunter noch geschüttet wird. Die Schriftstellerin A.S. Byatt, die stets ohne Umschweife sagt, was sie denkt, protestierte aus „tiefster feministischer Empfindung“ gegen alles, was Frauen „gettoisiert“.

          Kingsley Amis verkündete, wäre er eine Frau, würde er den Preis nicht haben wollen. Die Siegerin sei denn auch nicht ernst zu nehmen. Mit dem bitterbösen Witz des Vaters sprach Auberon Waugh vom „Lemon Prize“, also einer Auszeichnung für Nieten. Und der stachelige Kolumnist Simon Jenkins fand das ganze Unterfangen „sexistisch“. Er sieht in der Fortdauer des Preises den Beweis für „die wunderbare Langlebigkeit der Diskriminierung, solange sie politisch korrekt ist“.

          Enttäuschend häuslich

          Davon zeugt auch die Empörung, die kürzlich aufkam, als der jüngste Band der für den British Council herausgegebenen Anthologie „New Writing“ erschien. In ihrem Vorwort hatten die diesjährigen Editoren, Ali Smith und Toby Litt, das Niveau der weiblichen Beiträge beklagt. Das Material sei im großen und ganzen „enttäuschend häuslich, das Gegenteil von riskant“ gewesen, „als seien zu viele Schriftstellerinnen mit einer Sonderdroge injiziert worden, die sie stumpfsinnig macht, brav, sie veranlaßt, das Richtige zu sagen, die richtige Form nachzuahmen, noch dazu mit Melancholie, höllisch deprimiert“.

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