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Eliteschule Eton : Unheimlich gebildet

Der britische Schriftsteller Musa Okwonga in Berlin-Friedrichshain. Bild: Andreas Pein

Wer das Elite-Internat Eton kennt, versteht die britische Politik besser. Musa Okwonga hat ein Buch über seine ehemalige Schule geschrieben. Ein Treffen in Berlin.

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          Die größte Zäsur der jüngeren britischen Geschichte, der Brexit, wurde zu großen Teilen von Männern verantwortet, die sich früher die Pausenbrote geteilt haben: von David Cameron, Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg. Alle drei besuchten sie eine Schule, die die englische Oberschicht prägt wie keine andere: das Elite-Internat Eton. Internate sind in Großbritannien keine Seltenheit, doch es gibt Privatschulen, und es gibt Eton. Es ist die einzige Schule, deren Ruf über das Königreich hinaus strahlt. Sie ist eine Metapher für alles, was die englische Oberschicht noch immer ausmacht: Abgehobenheit, Exklusivität und Exzentrik, aber auch Exzellenz und Bildung. 20 von 55 englischen Premierministern haben nicht irgendeine Eliteschule, sondern Eton besucht. Es ist schwer, sich die englische Gesellschaft ohne Eton und, darauf folgend, ohne Oxford und Cambridge vorzustellen. Die Liste der Ehemaligen reicht in alle Bereiche: Eton hat Entdecker und Dandys hervorgebracht, Schauspieler, Schriftsteller und sogar Romanfiguren. James Bond war in Eton, ebenso wie Captain Hook, Peter Pans großer Gegenspieler, dessen letzte Worte „Floreat Etona“, „Möge Eton blühen“, lauten.

          Lesen als Sport

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der britische Schriftsteller und Journalist Musa Okwonga hat nun ein Buch über Eton geschrieben, „One of them“, Einer von ihnen, heißt es, weil auch Okwonga dort Schüler war. Der Schriftsteller wurde 1979 in London als erstes von vier Kindern geboren und wuchs unmittelbar in der Nähe in der britischen Kleinstadt Yiewsley auf. Seine Eltern waren Mitte der siebziger Jahre vor Idi Amins Regime aus Uganda geflohen. 1983 kehrte sein Vater dorthin zurück und starb bei einem Hubschrauberabsturz, dessen Umstände bis heute ungeklärt sind. Okwonga war damals vier Jahre alt. Bildung, sagt er bei einem Treffen im Berliner Stadtteil Friedrichshain, wo er seit vielen Jahren wohnt, sei in seiner Familie immer wichtig gewesen. Beide Eltern waren Ärzte, die Mutter achtete darauf, dass ihre Kinder so viel lasen, wie sie nur konnten: „Jedes ihrer Bücher bekam einen Stempel: Okwongas Bücherei. Und immer, wenn wir eins lesen wollten, war es, als würden wir in die Bibliothek gehen. Wir durften uns erst ein neues nehmen, wenn wir das alte ausgelesen hatten“, erzählt Okwonga.

          Hunderte von Büchern habe er verschlungen, erst die gesamte „Drei Fragezeichen“-Reihe und die Enid-Blyton-Bücher, später russische Klassiker: „Lesen war mein Sport“. Dann sah er im Fernsehen eine Dokumentation über Eton, die Schule seiner Träume, wie es in „One of them“ heißt. Es sei nicht die Größe der Gebäude, der Prunk gewesen, der ihn angezogen habe, sagt Okwonga, sondern vielmehr das, was diese Schule zu versprechen schien: „Wenn man gerne Sport macht, schaut man die Olympischen Spiele und will Starathlet werden. Ich habe diese Schule gesehen und dachte: Das ist der Ort, an dem man am klügsten wird.“

          Die Schule der Bösen?

          Okwongas Buch ist ein Memoir, seine persönliche Lebens- und Entwicklungsgeschichte, aber es ist auch ein Buch über Gesellschaft und Politik und über die Frage, wie die Menschen, die politische Verantwortung tragen, zu dem geworden sind, was sie sind. „One of them“ ist keine radikale Abrechnung mit Eton, einer Schule, in der Okwonga zu großen Teilen glücklich war und in der er Freunde fand, die noch heute zu seinen besten gehören. Aber es ist ein Nachdenken über ein Gesellschafts- und Bildungssystem, in dem eine sehr kleine Gruppe von Personen seit Jahrhunderten eine enorme Macht hat. Mit Blick auf die aktuelle britische Regierung schreibt er: „Ich war so stolz auf meine Schule, als ich dorthin ging, aber nun frage ich mich, was für ein Ort es war, wenn diese Menschen die prominentesten Absolventen sind.“ Und stellt sich die Frage: „Wurden wir vielleicht dazu erzogen, die Bösen zu sein?“

          Eton-Schüler auf dem Weg zur nächsten Veranstaltung
          Eton-Schüler auf dem Weg zur nächsten Veranstaltung : Bild: Reuters

          Nun, im Gespräch, scheint er geneigt zu sein, diese Frage mit Ja zu beantworten. Mehr noch als in seinem Buch, das zwar entschieden Kritik übt, aber auch deutlich macht, warum er sich als Schüler in Eton wohlfühlte. Schon während er „One of them“ geschrieben habe, sagt Okwonga, hätten ihn Mails von anderen Ehemaligen erreicht, die gehört hatten, was er vorhatte, und sagten: „Schreib doch darüber!“ Er habe sich schon damals gedacht: „Schreib dein eigenes Buch.“ Nun, da „One of them“ erschienen ist, reißt das Interesse nicht ab, im Gegenteil. Die Rückmeldung von Schülern und Lehrern sei enorm. Okwonga freut sich sichtlich darüber, aber er fragt sich auch, warum so viele seine Erfahrungen und Kritik teilen, ohne dies öffentlich zu sagen. Wenn eine Gruppe von Eton-Absolventen das Land tatsächlich, wovon er überzeugt ist, ins absolute Desaster geführt hat – was ist dann mit all den anderen? „Wenn man zu dieser Politik schweigt, ist das stille Zustimmung, oder nicht?“ Okwonga sagt nie, was „die anderen“, seine Freunde und Mitschüler, die er immer für klug und besonnen gehalten habe, nun machen. Aber es wird deutlich, dass auch sie in Positionen sind, in denen sie die Möglichkeit hätten, sich zu äußern.

          „One of them“ ist bei Unbound erschienen, einem britischen Verlag, dessen Bücher über Crowdfunding finanziert werden. Diese Entscheidung sei bewusst gewesen, sagt Okwonga. Gerade, weil es um Eton gehe, habe er befürchtet, ein klassischer Verlag könne verlangen, die Leser mit großen Namen zu locken. „Aber ich wollte nicht darüber schreiben, wer mit mir auf der Schule war und was diese Leute jetzt machen. Ich wollte erklären, wie diese Schule funktioniert.“ Wer sich die Liste der Absolventen anschaut, kann vermuten, dass Okwonga dem drei Jahre jüngeren Prinz William oder dem Schauspieler Eddie Redmayne auf den Fluren begegnet sein mag, doch nichts davon lässt sich im Buch auch nur erahnen.

          Wie Elitenbildung funktioniert

          Vielleicht macht dieser Umstand „One of them“ so universell, wie ein Buch über Elitenbildung eben sein kann. Und so erhellend, weil man nach dem Lesen tatsächlich das Gefühl hat, eine ganze Menge begriffen zu haben. Die Frage, ob er die britische Politik besser verstehe, weil er den Bildungsweg eines großen Teils ihrer Mitglieder – Eliteschule, dann Eliteuniversität – teile, kann Okwonga nur mit einem lauten Ausruf bejahen: „Aber natürlich!“ Eines der Worte, die im Buch und im Gespräch oft fallen, ist „Schamlosigkeit“. Als Außenstehende mag man sich wundern über die herablassenden Witze und Attitüden von Figuren wie Boris Johnson oder Jacob Rees-Mogg, Okwonga überraschen sie nicht im Geringsten. „Schamlosigkeit ist die Superkraft eines bestimmten Teils der englischen Oberschicht“, schreibt er in „One of them“. Ihre Mitglieder „lernen Schamlosigkeit nicht in Eton, aber es ist der Ort, an dem sie sie perfektionieren“. „The lads“, die Jungs, nennt Okwonga eine bestimmte Art von Mitschülern, deren Selbstbewusstsein so enorm ist, dass es keinerlei Rückversicherung bedarf: Sie sind über jeglichen Gruppenzwang erhaben und „ohne Freunde genauso zufrieden wie mit 200“. Soziale Konventionen spielen für sie keine Rolle, weil sie sich außerhalb des sozialen Gefüges bewegen.

          „Er war niemals unheimlicher als dann, wenn er am höflichsten war“, schrieb J. M. Barrie über seinen Bösewicht Captain Hook. Ein Satz, der einem auf gruselige Weise einen englischen Gentleman vor Augen führt, der mit lässigem Charme Entscheidungen trifft, die für einen Großteil der Gesellschaft verheerend sind. Viele von ihnen, glaubt Okwonga, täten das nicht einmal mit bösen Absichten. Es könne durchaus sein, dass jemand, den man in der Schule respektiert habe, später die brutalsten Gesetze verantworte: „Aber diese Person versteht das nicht mal. Sie haben noch niemals gesehen, wie schlimm es manchen Leuten geht.“ Genau deshalb seien Schulen wie Eton, so prägend und gut sie für den Lebensweg einzelner Schüler auch seien könnten, fatal für eine Gesellschaft. Sie verstellten den Blick auf die Realität.

          „Wahrscheinlich“, sagt Okwonga, „würde ich nicht noch einmal nach Eton gehen.“ Dann denkt er lange nach. Die Erfahrungen in Eton seien „unglaublich“ gewesen. Aber: „Die Herausforderungen der heutigen Welt sind so groß, der Klimawandel, zuallererst, und die soziale Ungleichheit. Ich glaube, diese Schule bereitet dich nicht darauf vor.“

          Beziehungen für's Leben

          Die positivsten Stellen von „One of them“ handeln von engen Freundschaften und außergewöhnlichen Lehrern. „Die Schule“, heißt es in dem Kapitel „Was ich an ihr liebe“, „hat die gleichen Eigenschaften, die später dazu führen, dass ich mich in einige Großstädte verliebe, nämlich die, unerschöpflich zu sein.“ Seine Lehrer, sagt Okwonga, seien unglaublich klug gewesen, was ihnen auch den Respekt der Schüler eingebracht habe, die aus den reichsten Familien des Landes stammten. Intellektuell ständig auf die Probe gestellt und gefordert zu werden schaffe eine Art der Hierarchie, die mit Geld nichts zu tun habe. Einige Lehrer, sagt er im Gespräch und nennt sofort Namen, hätten ihn für sein Leben geprägt.

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          An einer Stelle des Buches nimmt einer von ihnen den jungen Okwonga zur Seite und spricht ihn auf einen abschätzigen Kommentar an, den dieser über Homosexuelle gemacht hat. So groß ist die Enttäuschung des Lehrers, dass Okwonga anfängt, seine Position zu überdenken. „Diese gute Seele wird später ein enger Freund von mir und stellt sich als heterosexuell heraus; ich hingegen, Jahre später, nicht.“ Es habe, sagt Okwonga, keinen einzigen Lehrer gegeben, vor dem er Angst gehabt habe: „Nie hat mir einer von ihnen den Eindruck vermittelt, er habe wegen meiner Hautfarbe oder meiner Herkunft ein Problem mit mir, wirklich nie. Und das meine ich ganz ernst.“

          Klassenunterschiede sind alles

          Rassismus ist ein Thema, das Okwonga sehr beschäftigt, doch in „One of them“ spielt es vor allem außerhalb der Schule eine Rolle. Zwar gibt es die bizarre Situation, mit dem Nachfahren eines berühmten Sklavenhalters im Klassenzimmer zu sitzen. Und die Angst, negativ aufzufallen, den Stereotypen eines jungen Schwarzen zu entsprechen, ist auch in Eton präsent. Doch im Schulalltag, sagt Okwonga im Gespräch, sei Klassenzugehörigkeit der vorrangige Unterschied gewesen: „Für viele Leute dort spielt Geld keine Rolle: Das Schulgeld ist für sie so viel wie für uns ein Kaffee.“ Während die Schulgebühren, die aktuell über 40 000 Pfund pro Jahr betragen, für andere in Relation so hoch seien, als kauften sie sich jedes Jahr zwei neue Autos. Okwonga, der ein begeisterter Sportfan und Gastgeber eines Fußballpodcasts ist, sagt, Eton sei wie Bayern München: „Ja, die haben tolle Spieler. Aber sie haben eben auch die besten Ressourcen.“

          Dass diese Ressourcen dank Stipendien jedem zugänglich sind, der nur hart genug arbeitet, ist ein Irrglaube, der immer noch weit verbreitet ist. Denn er verschweigt, dass gerade ein Schulstipendium einiges voraussetzt: sehr frühe Förderung und Eltern, die, wie Okwongas Mutter bereit sind, absolut alles, was ihnen zur Verfügung steht, in die Bildung ihrer Kinder zu stecken. Diese Fälle gibt es. Was im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, dass es denjenigen, die dieses Glück nicht haben, an den Fähigkeiten dazu mangelte. Oder alle, die es nach Eton geschafft haben, dort einzig und allein wegen ihrer persönlichen Leistung wären. Denn das ist genauso ein Mythos wie die Schule selbst.

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