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Elfriede Jelinek : Ich renne mit dem Kopf gegen die Wand und verschwinde

  • Aktualisiert am

Elfriede Jelinek Bild: APA

Ein Gespräch mit der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über Komik und Kriminalromane, Cary Grant im Negligé und ihre Angst vor der Preisverleihung.

          8 Min.

          Wenn Elfriede Jelinek aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers blickt, schaut sie auf den Wienerwald und auf einen Hügel, der „Satzberg“ heißt. Hier, im Haus ihrer Mutter in einem Wiener Vorort, sind die meisten der Werke entstanden, die jetzt Weltruhm erlangen: Im nächsten Monat erhält die umstrittenste Schriftstellerin der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur den bedeutendsten Literaturpreis der Welt.

          Die Entscheidung der Stockholmer Akademie hat eine heftige Kontroverse hervorgerufen, denn die Themen Elfriede Jelineks, die Verhältnisse in ihrem Heimatland Österreich und das Geschlechterverhältnis, haben der Autorin neben viel Anerkennung auch den Vorwurf plumper Agitation und blinder Männerfeindschaft eingetragen. Unser Gespräch ist das erste große Interview, das Elfriede Jelinek nach der Bekanntgabe der Stockholmer Entscheidung gegeben hat. Sie spricht darin unter anderem über ihr Verhältnis zu Deutschland, über Freud, ihre Zukunftspläne, die Angst vor der Preisverleihung und ihre neue Lust am Schreiben.

          Wenn jetzt alle, die je über Sie gesprochen haben, auf einmal Ihre Bücher kaufen und lesen, was passiert dann?

          Dann muß ich hier ausziehen. Ich bekäme vom Verlag so viele Belegexemplare wegen der Neuauflagen, daß ich gar nicht mehr ins Haus käme. Das ist ein kleines Einfamilienhäuschen, das ist nicht unbegrenzt belastbar. Da muß ich die Gewichte gut verteilen, damit es nicht einstürzt. Aber es wird schon ruhiger. Die ersten zwei, drei Tage waren wirklich ein Horrortrip. Ich habe mir so etwas nicht vorstellen können, ich lebe ja immer völlig zurückgezogen. Plötzlich um halb eins klingelt das Telefon, da spricht ein Herr mit schwedischem Akzent, und ich wußte sofort, das ist jetzt nicht getürkt, das ist Wirklichkeit. Und dann ruft mich meine Verlegerin Elisabeth Ruge an und sagt: Wenn du es nicht aushältst, mußt du jetzt sofort das Haus verlassen. Aber es ging nicht mehr, um eins waren sie schon da.

          Wurden Sie richtiggehend belagert?

          Ja, für meine Verhältnisse schon. Madonna ist so etwas gewöhnt, aber ich nicht. Aber das Interesse wird auch schnell wieder abnehmen. Ich bin einfach keine, die sich für den Massenkonsum eignet.

          Wären Sie es denn gerne?

          Nein, ich kann das nicht. Ich würde schon gerne einen tollen Krimi schreiben können, so wie Chandler oder Hammett oder Ruth Rendell und P. D. James. Aber das versuche ich gar nicht, weil die dieses Genre zur Perfektion gebracht haben. Höchstens „Gier“ ist ja ein bißchen ein Krimi, wenn auch ohne Suspense.

          Gehen Ihnen da nicht manchmal die Gäule durch?

          Das kann schon passieren. Mein Roman „Kinder der Toten“ war eigentlich auch als kleine Gespenstergeschichte geplant. Aber ich bin jemand, bei dem es plötzlich anfängt zu wuchern. Und dann schießen aus dem Geflecht unter der Erde überall die Pilze heraus - bei guter Düngung. Das habe ich dann nicht mehr in der Hand. Ich bin ja keine planerische Autorin.

          Ihre Bücher waren bereits vor dem Nobelpreis in verschiedene Sprachen übersetzt, etwa ins Schwedische. Jetzt wird an zahlreichen weiteren Übersetzungen gearbeitet. Verfolgen Sie, wie Ihre Bücher im Ausland wahrgenommen werden?

          Nein, ich verfolge ja nicht einmal, wie sie hier aufgenommen werden. Ich lasse mich schonend informieren, auch jetzt. Gewisse Reaktionen kann ich nicht lesen. Ich lese auch die guten Sachen nicht. Ich lese gar nichts. Aber das ist neurotisch, wie das meiste an mir, das gebe ich schon zu.

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