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Elfriede Jelinek : Ein Nobelpreis für die Subversion

  • Aktualisiert am

In Italien ist sie nun „La Jelinek” Bild: dpa/dpaweb

Eine glückliche Isabelle Huppert, Bedenken aus dem Vatikan, Enttäuschung in Spanien und Beifall aus Beirut: Internationale Reaktionen auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek.

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          Eine glückliche Isabelle Huppert, Bedenken aus dem Vatikan, Enttäuschung in Spanien und Beifall aus Beirut: Internationale Reaktionen auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek.

          SKANDINAVIEN: Schwedens Kommentatoren waren sich einig: Die Entscheidung sei ebenso mutig wie unerwartet. "Dagens Nyheter" und "Svenska Dagbladet" widmeten wie üblich der Preisträgerin und ihren Werken vier bis fünf Zeitungsseiten. Entgegen der Tradition aber äußerten sich außer Horace Engdahl nur Literaturkritiker, kein einziger schwedischer Schriftsteller von Rang; ein weiterer Beleg dafür, daß sie in Schweden bisher wenig gelesen wurde.

          Selbst Engdahl als Sekretär der Schwedischen Akademie gestand, er habe sie erstmals im vorigen Sommer gelesen und anfangs nicht verstanden. Sie sei möglicherweise eine "zu exklusive Autorin", zu der "breite Leserkreise" nur schwer Zugang finden; aber sie könne wichtig sein für die Entwicklung der literarischen Formsprache. Das "Svenska Dagbladet" nannte sie "interessant und begabt, zweifellos integer, sprachlich fortgeschritten, eine kämpfende Intellektuelle und ein literarischer Katalysator", stellte aber die Frage, ob sie eine große Dichterin sei - bedeutend genug für den wichtigsten Literaturpreis?

          Die meisten schwedischen Zeitungen konzentrierten sich bei der Schilderung der Reaktionen auf jene in Österreich. Die Theater in Stockholm reagierten rasch: Auf drei Bühnen wurden ohnehin gerade ihre Stücke gespielt, und das "Dramaten" nahm schon am Tag nach der Zuerkennung eine Aufführung wieder auf. Noch stärker verwundert zeigte sich Dänemark. Während in Schweden drei ihrer Romane übersetzt sind, ist nur "Lust" auf dänisch zu lesen. Auch große Zeitungen wie die "Berlingske Tidende" zitierten Kenner ihres Werkes allenfalls mit dem Wort, sie sei "umstritten". (vL.)

          GROSSBRITANNIEN UND VEREINIGTE STAATEN: "Who?" war die in der angelsächsischen Welt am häufigsten gestellte Frage, als am vergangenen Donnerstag der Nobelpreis für Elfriede Jelinek bekanntgegeben wurde. Die "Times" berichtete unter der Überschrift "Feministische Heldin gewinnt Nobelpreis" vor allem über den Isolationismus der englischen Verlagsbranche: gerade einmal drei Prozent aller veröffentlichten Bücher sind Übersetzungen. Da ist es fast schon erstaunlich, daß der Verlag Serpent's Tail vier Bücher Jelineks veröffentlichen konnte.

          Ebenso wie die "Times" enthielt sich auch der "Independent" jeglicher Wertung; hier zitierte man den Akademiesekretär sowie Marcel Reich-Ranicki und bildete alle weiblichen Preisträgerinnen ab: gerade einmal zehn in mehr als hundert Jahren. Im "Guardian" konnte sich der Philosophieprofessor Bob Corbett zu einer starken Meinung aufraffen: Er habe sich mit Elfriede Jelineks Werk zusammenraufen müssen - zu seinem eigenen Besten. "Sie mag nicht glauben, daß die Welt ein besserer Ort sein könnte, aber sie ist empört darüber, daß es sich so verhält. Sie ist moralisch entrüstet. Ich beneide sie beinahe."

          Der "New York Times" ist der Nobelpreis eine längere Meldung wert: Österreich, das "wunderliche" kleine Land, an das "die meisten Menschen als Geburtsort von Freud, Hitler, Mozart und Schnitzel denken", habe es mal wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geschafft. Nun würden "konservative Kulturbegeisterte", die etwas auf sich halten, Jelinek lesen müssen - oder jedenfalls so tun, als ob. (fvl)

          ITALIEN: Der "L'Osservatore Romano", die Stimme des Vatikans, hat das literarische Werk Elfriede Jelineks scharf kritisiert. Der Kommentar stößt sich vor allem an der einseitig negativen Darstellung menschlicher Sexualität in den Büchern Jelineks. Ihr Stil wird hingegen als einer der besten im heutigen Europa charakterisiert. Ihre Sprache sei "beißend scharf, reich an bildhaften rhetorischen Figuren und voller Antiphrasen". Es fehle aber nicht an der "herben Geschmacklosigkeit des Obszönen".

          Befremdet zeigt sich die Zeitung von Szenen roher Sexualität, in denen es gerade nicht um eine Befreiung der Frau vom Erotismus gehe. Sexualität werde hier mit Machtausübung, Gewalt und Pathologie verknüpft. Körperliche Vereinigungen in Würde, Harmonie und Einverständnis blieben ausgeblendet. Die alles dominierende Öde im Namen der politischen und sozialen Anklage sei "übersetzbar in einen absoluten Nihilismus.

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