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Elfriede Jelinek : Dunkles Herz Europas

Die neue Nobelpreisträgerin am Donnerstag in ihrer Wiener Wohnung Bild: AP

Eine phantastische Entscheidung: Mit der neuen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat eine der sprachmächtigsten Figuren der deutschsprachigen Literatur die Ehrung erfahren, die ihr gebührt.

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          DElfriede Jelinek den Literaturnobelpreis erhält, ist eine in jedem Sinn phantastische Entscheidung der Stockholmer Akademie. Mit der am 20. Oktober 1946 im österreichischen Mürzzuschlag in der Steiermark geborenen Schriftstellerin und Dramatikerin hat eine der sprachmächtigsten Figuren der deutschsprachigen Literatur die Ehrung erfahren, die ihr gebührt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Denn in Elfriede Jelinek wird eigentlich ein Sprachstrom gewürdigt, ein nicht abreißen wollender unruhiger Fluß, der sich ohne Halten in seine Richtung ergießt und den ganzen Abraum fehlgelaufener Körper- und Völkerpolitiken vor sich herschiebt. Die Wucht dieser Rede, die meistens über die Geschlechter handelt - über die Männer und die Frauen und über die biologische Merkmale ganz wörtlich -, hat dazu geführt, daß Elfriede Jelinek die literarische Person ist, die am stärksten polarisiert: Die eminente, ganz buchstäbliche Unerhörtheit ihrer Worte und Texte und Einlassungen liegt nicht zum Geringsten darin, daß sie stets als Frau spricht - als Geschlechtswesen.

          Die männliche Sprache in sich hineingeprügelt

          Für ihre stahlharten Auftritte hat sich Elfriede Jelinek die männliche Sprache angeeignet, nein: antrainiert, brutal in sich hineingeprügelt, so daß diese Sprache wieder aus ihr herausbrechen kann: "Langsam beruhigt sich das Zucken der Frau, das der Mann in dieser Form bezweckt hat. Sie hat ihre Portion erhalten und bekommt vielleicht noch eine. Ruhig! Jetzt sprechen allein die Sinne, doch wir verstehen sie nicht, denn sie haben sich unter unsrer Sitzfläche in etwas Unbegreifliches verwandelt."

          Das steht in ihrem Roman "Lust" aus dem Jahr 1989, der als reine Groteske auf den sexualsportiven Aktivismus einer Gesellschaft an der Verdummungsgrenze schon in seinem Titel mit der Pervertierung möglicher Erwartungen kokettiert. Tatsächlich ist auch Obszönität ein Merkmal von Jelineks Sprache. Ihre manchmal rasenden Polemiken sind nicht leicht zu schlucken. Manchen wird es schlecht dabei; anderen wächst Erkenntnis.

          Anatomie der Macht

          Jelinek sexualisiert ihre Sprache - die der Männer und die der Frauen -, weil sie eine unendliche, ungeduldige Anatomie der Macht betreibt. Das liebgewonnene Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen ist passé in diesem Kosmos: Die Frauen sind in den Romanen genauso blöde und dumpf wie die Männer; die saubere Täter-Opfer-Aufteilung ist ausgeträumt.

          An Jelinek prallen vorsichtige, akademische Differenzierungen, wie die zwischen sex und gender, dem biologischen und dem sozial codierten Geschlecht, einfach ab. Solche Lücken, Schlupflöcher im System, läßt sie nicht zu, wie sie überhaupt klaustrophobische, stets kontaminierte Räume schafft, in denen die schlimmen Reden noch die letzte Öffnung in den engen Tälern Österreichs verstopfen. Schon ihr bekanntester Roman, "Die Klavierspielerin" aus dem Jahr 1983, verströmt die fürchterliche, verseuchte Nähe zwischen Mutter und Tochter in fruchtloser Umklammerung.

          Wunder formaler Beherrschung

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