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Elfriede Jelinek : Dieses Buch ist kein Buch

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„Habe etwas geschrieben, aber war's gar nicht” - Elfriede Jelinek Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat zwei Kapitel eines neuen Romans im Internet veröffentlicht. Ein Gespräch über den „Privatroman“ und die Öffentlichkeit, die Schuld beim Schreiben und die Autorion als lebende Tote.

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          Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat zwei Kapitel eines neuen Romans im Internet veröffentlicht (siehe auch: „Neid“: Elfriede Jelinek schreibt einen „Privatroman“). Ein Gespräch über den „Privatroman“ und die Öffentlichkeit, die Schuld beim Schreiben und die Autorion als lebende Tote.

          Sie bezeichnen Ihren Text im Internet als „Privatroman“. Warum? Ist das eine Gattungsbezeichnung?

          Das bedeutet, dass der Roman nur privat erscheint, sozusagen im Selbstverlag, aber auch, dass, umgekehrt, mehr Privates in den Text einfließt als sonst.

          Sie stellen den Privatroman ins Internet, den öffentlichsten aller möglichen Orte. Warum tun Sie das?

          Das Internet ist aber eine andere Form der Öffentlichkeit, denn die Öffentlichkeit im Netz ist virtuell. Wenn alle etwas lesen können, dann kann es eben auch keiner. Ich schreibe den Text, aber gleichzeitig kann ich mich auch hinter ihm verstecken, denn er ist ja sozusagen nicht-geschrieben.

          Haben Sie vor, den Roman in einer späteren Bearbeitung auch als Buch in Ihrem Verlag zu veröffentlichen?

          Nein, es wird kein Buch geben.

          Warum nicht? Sie haben einmal gesagt, dass der Nobelpreis Ihnen neue Freiheiten erlaubt. Zählt dazu auch die Freiheit von den Zwängen des Buchmarkts?

          Es ist eine Befreiung, sicher, auch weil ich Öffentlichkeit in keiner Form ertragen kann, was sicher pathologisch bei mir ist. Aber ich kann ja nichts dafür, dass ich so bin. Wichtig ist, wie gesagt, schon dieses - vielleicht katholische - Element, dass ich etwas veröffentlichen kann und gleichzeitig davon losgesprochen werde, wie in der Beichte. Es ist geschrieben, und gleichzeitig bin ich nicht schuld daran. Ja, ich glaube, um diese Schuldhaftigkeit geht es. Ich habe etwas geschrieben, aber ich war's gar nicht. Und natürlich gibt mir der Nobelpreis auch die materielle Möglichkeit dazu. Allerdings habe ich mit meinen Büchern (außer mit „Lust“) nie viel verdient. Ich konnte nicht einmal nach dem Nobelpreis ausschließlich von meinen Büchern leben.

          Warum haben Sie die Todsünde des Neids für den Titel ausgewählt? Der Neid selbst erscheint erst gegen Ende des zweiten Kapitels, als der „Neid auf die Lebenden“. Wie ist das zu verstehen?

          Es ist der Neid derer, die nicht leben können (wie ich), auf die Lebenden, den ich hier paradigmatisch abzuhandeln versuche. Ich bin nicht tot, aber ich empfinde mich als eine lebende Tote, weil ich - auf Grund meiner psychischen Erkrankung, über die ich nicht weiter sprechen möchte - eben nicht leben kann, nicht reisen kann, Menschen nicht ertrage. Ich kann es auch nicht aushalten, angeschaut zu werden. Diese Art von lebendigem Totsein hat mich darauf gebracht, zu veröffentlichen und eben gleichzeitig: nicht zu veröffentlichen. Wenn ich kein Buch-Objekt herstelle, kann ich mir vorstellen, dass es diesen „Privatroman“ gar nicht gibt.

          Sie klagen in „Neid“ wiederholt darüber, dass das Erzählen nicht Ihre Sache sei. Schreiben Sie sich gerade an einen echten Krimi heran?

          Ja, das Erzählen ist nicht meine Sache (was ich wiederum im Text thematisiere), und es gibt so tolle Kriminalromane, dass ich mich in diese Branche gar nicht erst wage. Es ist auch hauptsächlich ein angloamerikanisches Genre, so wie ja auch die Literatur aus diesem Raum traditionell viel narrativer ist als unsere.

          Ist es Ihre Absicht, sich in die Traditon des Fortsetzungsromans - Sue, Balzac, Dickens - einzuschreiben?

          Nein, überhaupt nicht. Die Fortsetzungen haben nichts mit Spannung und dem Lösen eines Handlungsknotens zu tun, im Gegenteil, es geht ja um Stillstand, um sterbende Städte (shrinking cities), um das Sterben im Leben, und natürlich wird auch eine Mordgeschichte angedeutet, aber nur sehr vage. Es geht um eine Verengung von Lebensraum (meinen Lebensraum, den der Hauptfigur und den der Städte, die, auf Grund industrieller Krisen vor allem in Europa im Stahlbereich, die Hälfte ihrer Einwohnerschaft verlieren), um Stillstand. Es geht zuallerletzt um Bewegung, höchstens um gestockte Bewegung von verstockten Menschen. Es wird dem überall herrschenden Aktionismus sozusagen dieser Stillstand entgegengehalten wie etwas Magisches, wie - für die Katholiken - eine Monstranz den Gläubigen, wenn die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut stattfindet.

          Außerdem behalte ich mir vor, falls ich scheitere oder zu scheitern glaube, den Roman als Torso einfach so stehenzulassen, ihn nachträglich umzuschreiben oder ihn einfach aus dem Netz zu nehmen, falls ich das möchte beziehungsweise falls ich es nicht aushalte, dass er da einfach so steht und blöd aus dem Bildschirm herausglotzt.

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