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Eklat im „Literaturclub“ : Was steht bei Heidegger?

Elke Heidenreich erfand ein Heidegger-Zitat, „Literaturclub“-Moderator Stefan Zweifel bemerkte es - und fliegt jetzt aus der Sendung. Bild: dapd

Elke Heidenreich erfand im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens ein Heidegger-Zitat, Moderator Stefan Zweifel bemerkte es. Jetzt muss er die Leitung der Sendung abgeben.

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          Die Szene ist reif für Youtube: „Doch“, hält die resolute ältere Dame dem Moderator entgegen, der sie darauf hinweist, dass das von ihr vorgebrachte Zitat nicht im besprochenen Buch steht. Sie hätte es elegant relativieren können. Doch zum Beweis ihrer Kampfbereitschaft schmeißt sie das Buch ostentativ auf den Tisch. Der Diskussionsleiter kann nur noch hilflos mit den Schultern zucken.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Szene spielte sich vor ein paar Wochen im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens ab. Bei der Kritikerin handelt es sich um Elke Heidenreich, das ominöse Zitat ordnete sie Martin Heidegger zu, der in den „Schwarzen Heften“ geschrieben haben soll: „Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen.“ Das Dumme ist nur - das Zitat stimmt nicht.

          Rote Karte für zu viel Kompetenz

          Der „Literaturclub“, auch auf 3sat zu sehen, gehört zu den traditionsreichen Sendungen des Schweizer Fernsehens. Er wurde zunächst von Daniel Cohn-Bendit, später von Roger Willemsen und Iris Radisch geleitet. Ihr ist vor zwei Jahren Stefan Zweifel gefolgt, der schon zuvor Teil der Kritikerrunde war. Dass seine neue Doppelrolle zu Problemen führen könnte, hat die Redaktion bewusst in Kauf genommen. Zweifel bekam viele Vorschusslorbeeren. Weniger Verständnis gab es dafür, dass der Neuanfang mit den zwei deutschen TV-Altstars Elke Heidenreich, die einst im ZDF die Sendung „Lesen!“ moderierte, und mit Rüdiger Safranski versucht wurde.

          Mit Safranski harmoniert Zweifel bestens. Zu Elke Heidenreich hat sich ein Verhältnis wie zwischen Hund und Katze entwickelt. Der feingesponnene Zweifel ist der intellektuell Überlegene, die populäre Heidenreich gibt sich sehr viel aggressiver. Sie hat dem Moderator auch schon „unprofessionelles Verhalten“ vorgeworfen. Sie ist in jeder Sendung dabei und hat sich eine Machtposition aufgebaut. Ihr Einfluss auf die völlig überforderte Redaktion ist ganz augenscheinlich größer als jener von Zweifel. Als „rhetorische Dampfwalze“, die mit der „geballten Wucht ihrer Popularität die Debatte zu dominieren suchte“, beschreibt sie der „Tages-Anzeiger“ und bescheinigt ihr ein „Einschüchterungspotential auf die Redaktion“.

          Deren Leitung fühlte sich bislang nicht verpflichtet, das Heidegger-Zitat zu überprüfen - was Zweifel verlangt hatte. Schließlich geht es hier nicht um kleine Meinungsunterschiede zweier Kritiker, sondern um ein offenbar konstruiertes Zitat in einer nicht ganz unbedeutenden Angelegenheit. An Heideggers unlängst publizierten „Schwarzen Heften“ entzündete sich eine intensive Debatte.

          Es geht aber auch um die Glaubwürdigkeit des Schweizer Fernsehens. Elke Heidenreich will die ganze Aufregung nicht verstehen können und krebst zurück: Einen Teil der Formulierung habe sie der „Süddeutschen Zeitung“ entnommen, erklärte sie der „Basler Zeitung“. Was wohl auch heißen dürfte: Sie hatte die „Schwarzen Hefte“ gar nicht gelesen, dann aber ihren Ärger darüber, dass sie als Diskussionsgegenstand berücksichtigt wurden, sehr deutlich gemacht. Die „Basler Zeitung“ erinnert daran, dass Fritz J. Raddatz als Feuilletonchef der „Zeit“ abtreten musste, weil er einem gefälschten Zitat aufgesessen war. Stefan Zweifel muss gehen, weil er ein solches erkannt hat. Diskussionsteilnehmer würde er bleiben dürfen. Gerüchtehalber steht sein Nachfolger schon für den Juni fest: der Mundartschriftsteller Pedro Lenz, Autor des Bestsellers „Der Torhüter bin ich“. Aber auch Elke Heidenreichs künftige Teilnahme soll nach der Roten Karte für Stefan Zweifel zur Diskussion stehen.

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