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Mythos und Modeerscheinung : Dunkles Einhorn

Sogar Autos werden „einhornifiziert“: Ein Wagen bei der „Houston Art Car Parade“ am 8. April in Houston. Bild: dpa

„Unicorns are real“: Das sagenumwobene Huftier mit einem Horn ist der letzte Schrei besonders bei kleinen Mädchen. Nur Cornelia Funke schließt sich dem pink-flauschigen Traum nicht an.

          „I’m alive“, verkündete das letzte Einhorn 1982 im gleichnamigen Zeichentrickfilm auf dem Höhepunkt einer Fantasywelle, und die Botschaft drang damals mit Jimmy Webbs gefühligem Lied noch ins letzte Radio. Das Auftrumpfen, im Gesang noch einmal verstärkt, erscheint so verzweifelt wie plausibel, schließlich war die große Zeit der Einhörner längst vorbei.

          In der Antike und im Mittelalter konnte man ihre in zahlreichen Bestiarien bezeugte Existenz nur schwer bestreiten, und die Tatsache, dass einem keines begegnete, war alles andere als ein Beweis, dass es sie nicht gebe: Dann waren sie eben im übernächsten Land, wo sowieso niemand hinkam. Und wenn doch, wie mutmaßlich Marco Polo und andere, dann boten das Rhinozeros oder der Narwal genügend Anlass, um über die Existenz von entfernten behuften Vettern dieser Tiere nachzudenken. Immerhin konnte man Einhörner beschreiben: Dass Jungfrauen sie anlockten und zähmten, war fast schon Gemeinwissen, die Autoren des Talmud machten sich Gedanken, wie das Einhorn die Sintflut überlebte (schwimmend, an die Arche gebunden), Hildegard von Bingen empfahl Einhornleber gegen Aussatz und die Haut des Tiers, zur Sandale umgearbeitet, gegen Pest und Fieber.

          Dass kleine und größere Mädchen, die heute ihre Kinderzimmer mit rosa Einhörnern vollrümpeln oder T-Shirts mit der Botschaft „Unicorns are real“ tragen, diese therapeutischen Aspekte im Sinn haben, ist unwahrscheinlich. Es blieb der Autorin Cornelia Funke vorbehalten, in die rosa Schwarmsuppe zu spucken. In ihrer „Reckless“-Serie trägt ein Held, gejagt von den ach so friedlichen Tieren und gezeichnet von den spitzen Hörnern, von einer Begegnung mit einer Einhornherde nichts davon als einen fürchterlich vernarbten Rücken. Den zum Buchtitel erhobenen Elternspruch „Schnall dich an, sonst stirbt ein Einhorn“ beantworten Funke-Leser wahrscheinlich mit einem gemurmelten „Soll es doch!“. Zum Glück gibt es noch die Meerjungfrauen.

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