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Eine Million Startauflage : Seuss süß-sauer

Theodor Seuss Geisel bei der Arbeit an seinem Buch „How the Grinch Stole Christmas“ (Die gestohlenen Weihnachtsgeschenke) Bild: Picture-Alliance

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Autors wird „What Pet Should I Get?“ mit einer Startauflage von einer Million Exemplaren veröffentlicht. Dr. Seuss stellt Harper Lee und E.L. James in den Schatten. Dabei hat auch sein Werk Schattenseiten.

          Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Erstverkaufstag. Wieder mal erscheint in den Vereinigten Staaten ein heiß ersehntes Buch in Millionenauflage, und nie war die Dichte solcher Ereignisse so groß wie in diesem Jahr: vor sechs Wochen E. L. James mit ihrem neuesten „Grey“-Geschreibsel, vor zwei Wochen Harper Lee mit ihrem spät publizierten Erstlingsroman „Go Set a Watchman“ und nun am morgigen Dienstag Dr. Seuss mit seinem nachgelassenen Bilderbuch „What Pet Should I Get?“. Also, um mit Loriot zu reden, etwas für den Herrn, für die Dame, für das Kind. Wobei ja längst nicht mehr ausgemacht ist, dass Erotik für Männer gedacht ist, anspruchsvolle Literatur für Frauen und Bilderbücher für die Kleinen. Zumal die Amerikaner seit vier Generationen mit den gereimten Bildergeschichten von Dr. Seuss aufgewachsen sind und sie als Erwachsene munter weiter lesen und rezitieren, weshalb deren Verkaufszahlen selbst die Ursprungstrilogie „Fifty Shades of Grey“ und Lees Welterfolg „To Kill a Mockingbird“ alt aussehen lassen: Man schätzt, dass der 1904 als Kind deutscher Einwanderer geborene Theodor Geisel, der sich nach dem Mädchennamen seiner Mutter Dr. Seuss nannte, insgesamt mehr als zweihundert Millionen Bücher unter die Leute gebracht hat.

          Da wirkt die zuletzt genannte Startauflage von „What Pet Should I Get“ mit einer Million Exemplaren geradezu knickerig. Aber der gute Doktor ist jüngst postum ins böse Gerede gekommen. Ein amerikanisches Auktionshaus bot eine Witzzeichnung an, die er 1929 angefertigt hat. Sie zeigt in vier Bildern ein Warenhaus, das verschiedene Dinge anbietet, die das Leben kompliziert machen. Auf dem dritten Bild etwa sieht man ein auch im Deutschen gängiges Problem: die Nadel im Heuhaufen. Das vierte aber bebildert eine spezifisch amerikanische Redewendung: „a nigger in the woodpile“ (ein Nigger im Holzstapel), die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entstand, als viele Sklaven aus den Südstaaten in den Norden flohen, wo die Sklaverei bereits abgeschafft war. Wenn dann bei einer Kontrolle in der Holzladung eines - natürlich weißen - Handelsmanns ein versteckter Schwarzer gefunden wurde, gab es Schwierigkeiten, und so entstand die Redewendung.

          Dr. Seuss zeichnete dazu einen Raum voller wulstlippiger pechschwarzer Männer, in die ein - natürlich weißer - Kunde geführt wird, um „a nigger for your woodpile“ auszusuchen. Nicht sehr komisch, auch nicht nach den Maßstäben der zwanziger Jahre, aber Theodor Geisel hatte seinen Künstlernamen ohnehin nur deshalb wählen müssen, weil die humoristische Studentenzeitschrift „Jack-O-Lantern“, für die er am Dartmouth College zeichnete, das Missfallen des Rektors erregt hatte. Die Signatur „Dr. Seuss“ stand also anfangs gerade für schlechten Geschmack. Heute weiß das niemand mehr, dementsprechend groß war die Erregung jener amerikanischen Eltern, die selbst mit Dr.-Seuss-Büchern aufgewachsen sind (also so ziemlich alle) und ums Seelenheil ihrer Kinder fürchten, wenn sich die Lichtgestalt der eigenen Jugend als Rassist entpuppt. Als 1999 die Kriegscartoons von Dr. Seuss publiziert wurden, die nicht gerade zimperlich mit Deutschen und vor allem Japanern umgingen, gab es übrigens noch keine Aufregung. Jetzt zog das Auktionshaus die Zeichnung zurück, und die niedlichen Tiere in „What Pet Should I Get“ sind wieder so seuss-süß geraten, dass alles rasch vergessen sein dürfte. Und die zweite Auflagenmillion nicht weit.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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