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: Eine Krise ist produktiv und macht spendabel

Objekt der Sammlerbegierde: Dieter Wellershoffs Schreibmaschine Bild: Bettine Fischer

Da steht eine Schreibmaschine der Firma Adler, Modell "International", die im trauten Wechsel mit ihrer Schwester "Monica" (aus dem Hause Olympia) über Jahrzehnte hinweg dem Schriftsteller Dieter Wellershoff zu Diensten war.

          Da steht eine Schreibmaschine der Firma Adler, Modell "International", die im trauten Wechsel mit ihrer Schwester "Monica" (aus dem Hause Olympia) über Jahrzehnte hinweg dem Schriftsteller Dieter Wellershoff zu Diensten war. "Fast mein ganzes Werk habe ich auf ihnen geschrieben", sagt der Kölner Autor - bis hin zu dem Roman "Der Liebeswunsch" (2000); erst der Essay "Der verstörte Eros" (2001) ist - Philologen, aufgepaßt! - am Computer entstanden. Gut und gerne vierzig Jahre haben die Maschinen auf der Walze und, wiewohl noch immer gepflegte Erscheinungen, den Ruhestand redlich verdient, den als private Museumsstücke zu genießen ihnen nun in der Sammlung eines Liebhabers vergönnt sein dürfte.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Denn vorgestern abend haben "International" und "Monica" vor den Augen zahlreicher Kunst- und Literaturfreunde den Besitzer gewechselt: Als Nummern 130 und 131 einer Benefizauktion, die das Literaturhaus Köln, ausgerichtet im Kunsthaus Lempertz, zu eigenen Gunsten veranstaltete. "Monica" erbrachte 550 Euro, "International", der das Typoskript "Schreiben und Schlafen - Kleiner Bericht über vertraute Dinge, Albrecht Fabri zum fünfundsiebzigsten Geburtstag" eingelegt war, gar 700 Euro. Um dem Literaturhaus unter die Arme zu greifen, hatten sich Autoren von Becker und Bender über Enzensberger und Krüger, Maron und Stadler bis zu Wallraff und Wellershoff nicht lumpen lassen und Kunst, Grafik, Fotografien, Bücher, Autographen, Briefe und Objekte herausgerückt.

          Die meisten der insgesamt 147 Lose wurden nahe oder über dem Schätzpreis zugeschlagen. Die munteren Bietgefechte gerieten zur kleinen Literaturbörse, wobei kein Manuskript an Rosemarie Trockels Bild "Schlafendes Mädchen", das auf 6400 Euro kletterte, herankam. Für eine Vorzugsausgabe von Bölls "Irischem Tagebuch" wurden vierhundert, für ein vierseitiges Gedicht-Fragment von Jürgen Becker 350, für ein zweiseitiges Redemanuskript von Günter Wallraff 450, für zwei handschriftliche Konvolute von Dieter Wellershoff je 3400 Euro geboten.

          Literarische Trophäen-, Devotionalien- und Schnäppchenjäger kamen auf ihre Kosten: So fand eine rote Seidenbluse, die, signiert von Joseph Beuys und Andy Warhol, anno 1979 zur Vernissage "Kunst = Kapital" in die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer ausgeführt wurde, für sechshundert Euro eine neue Trägerin. Mit 260 Euro sehr hoch bewertet wurden die Literaturkenntnisse von Gerhard Schröder, der "auf Briefpapier des Bundeskanzlers mit Prägewappen" handschriftlich Max Frisch zitiert: "Krise ist ein produktiver Zustand. Man muß ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." Ebendas hatte auch das Literaturhaus Köln beherzigt, das, getragen von einem Verein und zu zwei Dritteln aus privaten Mitteln finanziert, sich angesichts klammer öffentlicher Hände neue Geldquellen erschließt. Als Auktionator Henrik Hanstein, der mit lakonischem Witz den Hammer schwang, zum 147. Mal zugeschlagen hatte, waren fast vierzigtausend Euro geflossen.

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