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Geschichte des Alpenvereins : Im Schatten der Berge

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So unberührt die Landschaft auch aussieht, die Berghütte ist hier nicht weit: See zu Füßen des Wiedemer Kopfs in den Allgäuer Alpen Bild: Silvan Metz, 2018

Mountainbiken gehört heute leider auch dazu: Ein überaus anregender Band führt durch die wechselvolle Geschichte des Deutschen Alpenvereins.

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          Die Unterzeichneten beabsichtigen, einen Allgemeinen deutschen Alpen-Verein in’s Leben zu rufen, der sich der Durchforschung der gesammten deutschen Alpen, die erleichterte Bereisung derselben und die Herausgabe periodischer Schriften zur Aufgabe stellt.“ Ob die zehn Männer, die im Mai 1869 im Münchner Weingasthof „Zur Blauen Traube“ diesen „Aufruf an alle deutschen Alpenfreunde“ unterschrieben, ahnten, welch durchschlagender Erfolg ihrer Unternehmung beschieden sein sollte?

          Schon wenige Jahrzehnte später waren die Berge gründlichst „durchforscht“ und alle hohen Alpengipfel erstiegen. Der Verein – seit 1873 mit dem ÖAV zum „Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein“ fusioniert – zählte bei Beginn des Ersten Weltkriegs bereits 406 „Sectionen“ mit über hunderttausend Mitgliedern. Unter ihnen regte sich aber schon längst Protest gegen den Bau neuer Hütten, gesicherter Weganlagen und vor allem von Bergbahnen: Die immer weiter „erleichterte Bereisung“ der Alpen raubte diesen gerade jene Entlegenheit, Einsamkeit und Wildheit, die für die ersten „Alpenfreunde“ doch ihre größte Faszination ausgemacht hatte.

          Ein Gebirge von Texten über Bergsteigerei

          Diese „Dialektik der alpinistischen Aufklärung“ (Dagmar Günther) lässt sich wunderbar am vielleicht größten Erfolg des jungen „Alpen-Vereins“ studieren – dem publizistischen. Es dürfte wohl keine Sportart geben, die sich so wenig von selbst verstand und darum so früh zum Gegenstand emphatischer oder grüblerischer Selbstbetrachtung wurde wie das Bergsteigen. Vielleicht wegen der rasch wachsenden Zahl tödlicher Abstürze, vielleicht auch, weil das Motiv des Erforschens in Verbindung mit akademischem Geltungsdrang Tausende von Aufsätzen hervorbrachte, kann man die Geschichte des organisierten Bergsteigens wie ein Archäologe an seiner eigenen Diskursproduktion studieren. Die „periodischen Schriften“, Lehr- und Handbücher, Autobiographien und Traktate über Sinn und Wert der Bergsteigerei bildeten bald selbst ein Gebirge von Texten – und provozierten Rückblicke auf die eigene Historie.

          Als die Erschließungstätigkeit noch in vollem Gange war: Der Bau der Höllentalklamm.
          Als die Erschließungstätigkeit noch in vollem Gange war: Der Bau der Höllentalklamm. : Bild: Abb. aus dem besprochenen Band

          Das vorerst letzte Beispiel dieser Eigengeschichtsschreibung ist fast eineinhalb Kilo schwer und trägt den Titel „Die Berge und wir“. Es ist der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Alpinen Museum des DAV, die vom kommenden Samstag an und bis zum September 2020 auf der Münchner Praterinsel zu sehen ist. Der Titel klingt zwar wie ein fernes Echo jener Abhandlungen über „Mensch und Berg“ oder „Schicksal und Höhe“ von Nietzsche-Epigonen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Tatsächlich aber hat sich unter dem etwas biederen Etikett ein fast kultursoziologisches Programm der Selbstbetrachtung Geltung verschafft.

          Kartographie und Kampfrhetorik

          Organisiert ist der Band mit Beiträgen von drei Dutzend Autoren und Autorinnen in vier großen Abschnitten, die chronologisch geordnet sind. Doch schon deren Überschriften signalisieren keine brave Vereinsgeschichtsschreibung, sondern das Interesse an dominanten Praktiken, sozusagen den Leitbegriffen der historischen Motivlagen. Es beginnt mit „Schauen, erforschen und erschließen“: Tatsächlich bestimmten zu Beginn noch ästhetische Werte (wie die Suche nach „Erhabenheit“), wissenschaftliche Interessen und eben die Erschließung (das „erleichterte Bereisen“) die Aktivitäten der Alpenfreunde. Hier wie im Folgenden wechseln Überblicksartikel (zu Sektionen, Glaziologie, Naturschutz) mit exemplarischen, oft großartig bebilderten Fallstudien (wie zu früher Kartographie, Panoramen oder einem „Laternbildervortrag“ von 1912).

          „Die Berge und wir“. 150 Jahre Deutscher Alpenverein. Hrsg. vom Deutschen Alpenverein. Prestel Verlag, München, London, New York 2019; 300 S., Abb., geb.,19,90 €.
          „Die Berge und wir“. 150 Jahre Deutscher Alpenverein. Hrsg. vom Deutschen Alpenverein. Prestel Verlag, München, London, New York 2019; 300 S., Abb., geb.,19,90 €. : Bild: Prestel Verlag

          Einen Einschnitt in der Vereinsgeschichte bildet der Erste Weltkrieg, nachdem bereits zuvor klar erkennbare martialische Motive („Überwinden und erobern“) in den Vordergrund treten. Die todessehnsüchtige Kampfrhetorik der „Bergsteiger schärferer Richtung“ wird hier ebenso in den Blick genommen wie die mediale Inszenierung alpiner Heroen, die Entwicklung der Ausrüstung oder die Rolle der Privatfotografie. Allerdings fehlt leider ein Blick auf den Gebirgskrieg selbst. Und etwas knapp wird unter dem Stichwort „Kontinuitäten“ auch die ideologische Verstrickung des Vereins vor 1945 abgehandelt; man hätte sich hier durchaus eine ausführlichere Zusammenfassung dessen vorstellen können, was die Alpenvereine in den letzten Jahrzehnten an historischer Erschließung des völkischen Antisemitismus vieler ihrer Funktionäre und Sektionen seit den zwanziger Jahren ja tatsächlich geleistet haben (so in der umfangreichen Publikation „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945“, 2011).

          Umso vielfältiger sind die mentalitäts- und sozialgeschichtlichen Ein- und Ausblicke der beiden letzten Abschnitte „Frei sein, bewegen und protestieren“ sowie „Optimieren und vergleichen“, mit dem man in der Gegenwart angelangt wäre: vom Aufstieg des Freikletterns und Durchbruch des Sportkletterns (auch abseits der Berge) über den Gay Outdoor Club (seit 2004 DAV-Sektion) bis zum Mountainbiken und Inklusiven Bergsteigen. Waren schon die Motive der Vereinsgründer nicht einheitlich, so sind es die Motivlagen und Interessen der heutigen über 1,3 Millionen DAV-Mitglieder noch viel weniger.

          Die Alpenvereine sind entsprechend pluralistischer denn je. Eine den Band beschließende „Tour in die Zukunft“ beginnt aber nicht von ungefähr mit der fotografischen Dokumentation des durch den Klimawandel massiv beschleunigten Gletscherschwunds am Beispiel des Gepatschferners. Die Geschichte der Alpen-Faszination scheint sozusagen ihren Gegenhalt verloren zu haben, die vermeintlich geschichtslose Schönheit oder „Ewigkeit“ des Gebirges selbst. Einer der letzten Sätze des Bandes lautet, nicht ganz ohne Melancholie: „Der DAV hat seine Erschließungstätigkeit beendet.“ Dass das überaus reich illustrierte Buch mit offenen Fragen schließt und für den Wanderrucksack deutlich zu schwer ist, mindert nicht seinen Wert für den Versuch, die vielen Motive einer leidenschaftlichen Verrücktheit besser begreifen zu können.

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