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Eine Garten-Erzählung : Brennende Liebe

  • -Aktualisiert am

Autor Michael Kumpfmüller zu Gast am F.A.Z.-Stand auf der Frankfurter Buchmesse 2011. Bild: Maria Irl

Anfang und Ende und wieder Anfang: Für ihn ist der Garten das Paradies auf Erden, für sie die Hölle aus Langeweile. Sie lieben sich – und dafür muss man manchmal lügen. Eine Erzählung in zwölf Gartenmonaten.

          5 Min.

          Januar

          Dieses Jahr muss es sich entscheiden. Ich stehe halb in der Terrassentür und beobachte, wie er durch den gefrorenen Schnee stapft, ein bisschen grüner Rasen schaut hervor, aber sonst herrscht trübes Graubraun. Der Garten schläft, und ich hoffe, dass er nie mehr erwacht. Mit irgendetwas scheint er nicht zufrieden. Er beugt sich über ein paar Staudenreste und schüttelt den Kopf, spricht mit dem Flieder, der Forsythie. Ich hasse es, wenn er da draußen mit ihnen spricht, manchmal auch im Traum, so in einem flüsternden Ton, in dem er vor dreißig Jahren mit mir gesprochen hat.

          Februar

          Es ist seit Wochen konstant grau und regnerisch, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Im Garten gibt es nichts zu tun, trotzdem dreht er dreimal täglich bei Wind und Wetter seine Runden, kramt ewig lange in Schuppen zwei, wo die Gartengeräte sind, erneuert das Vorhängeschloss, prüft die Bestände an Samen und Dünger. Es ist wie immer alles reichlich da, was ihn nicht davon abhält, abends im Bett jede Menge Pläne zu schmieden und in einem halben Dutzend Gartenkatalogen zu blättern. Er zählt mir auf, was er dieses Jahr alles neu pflanzen oder säen will: Kartoffelrose und Indianernessel, Sonnenhut und Nachtkerze, Wolfsmilch und Wiesenraute. Es hört sich an, als würde er irgendwelche verschollenen Märchen erzählen.

          März

          Die Narzissen und die Leberblümchen blühen, es wird merklich grüner und auch wärmer. Er ist jetzt rund um die Uhr im Garten, pflanzt und sät, holt die neue Erde aus den Komposthaufen. In stundenlanger Arbeit schippt er verrottete Gartenabfälle des letzten Jahres durch ein Sieb und pfeift dazu. Er hat jetzt immer schmutzige Hände, unter den Nägeln dunkle Ränder, von denen er behauptet, dass er sie nicht wegbekommt. Seit Wochen zum ersten Mal hat er mich gestern mit diesen Händen angefasst. Es hat mich nicht gestört, im Gegenteil, ich habe seine Hände immer gemocht. Er durchwühlte mich, als würde er etwas suchen, er schnüffelte und schnupperte, so dass ich mich schon fühlte wie eine seiner stummen Göttinnen. Meine kleine Elfenblume, sagte er, aber ich glaube nicht, dass er mich gemeint hat.

          April

          Im April habe ich Geburtstag, es ist die Zeit der Magnolie. Die Magnolie ist einer seiner Lieblinge, sie steht im vorderen Drittel des Gartens, und wie immer vergleicht er sie mit mir. Sie ist ganz nackt, wenn sie in der Blüte steht, um sich spätestens nach einer Woche in einen grünen Langweiler zu verwandeln, deshalb ist mir der Vergleich nicht recht. Auch mit der Kamelie hat er mich schon verglichen, sie gilt bei vielen Gärtnern als schwierig, worüber er nur lacht.

          Mai

          Ich denke, ich werde ihn verlassen. Das ist kein Leben, wie ich es mir vorstelle, er interessiert sich wirklich nur für seine Pflanzen, liest keine Zeitung, geht spätabends, wenn ich vor dem Fernseher sitze, zum Gießen und weigert sich, übers Wochenende wegzufahren, geschweige denn in Urlaub. Ich habe begonnen, Listen zu führen, auf denen ich dokumentiere, wie viele Stunden er mit Mähen, Gießen und Unkrautzupfen verbringt und welche Vorträge er mir regelmäßig hält. Ich hasse seine Vorträge. Was gibt es über Blumen schon zu sagen, außer dass sie schön sind, die Farben, na gut, ab und zu ein Geruch, obwohl die Hälfte ganz schrecklich oder überhaupt nicht riecht.

          Apfel, Pflaume und Kirsche blühen gerade, aber sie alle tragen später Früchte, die man gebrauchen kann. Und was kann die Pfingstrose? Die Clematis? Die arme Kornblume, die fast ausgerottet war? Er kann sich eine halbe Stunde über den Oleander und den Blauregen verbreiten. Ist das zu fassen? Früher habe ich mich aufgeregt, weil er jeder zweiten Frau hinterherschaute, dabei ging es schon damals nur ums Sehen. Er sei ein Augenmensch, sagt er; er suche mit seinen Augen immer nur auf, was schön ist. Früher waren das irgendwelche Beine, ein Mund, eine Frisur, heute sind es wilde Erdbeeren und Hagebutten, die ich überhaupt nur zur Kenntnis nehme, weil er mich dauernd zu kleinen „Begehungen“ in den Garten zwingt. Die Pechnelken will er mir zeigen, die Akelei. Ich bin wirklich eine unglaubliche Ignorantin.

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