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: Einbruch der Natur in eine menschenleere Stadt: Jaroslav Poncars Panoramafotografien zeigen ein ungewohntes Paris

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Dies ist nicht der erste Bildband über Paris; es braucht fast Mut oder Leichtsinn, noch einen herauszubringen. Dieser hier kommt mit gewaltigem Anspruch daher, in Leinen gebunden, im Schuber verpackt. Jaroslav Poncar, an der Fachhochschule Köln lehrender, in Prag geborener Fotograf, ist mit einer russischen ...

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          Dies ist nicht der erste Bildband über Paris; es braucht fast Mut oder Leichtsinn, noch einen herauszubringen. Dieser hier kommt mit gewaltigem Anspruch daher, in Leinen gebunden, im Schuber verpackt. Jaroslav Poncar, an der Fachhochschule Köln lehrender, in Prag geborener Fotograf, ist mit einer russischen Panorama-Kamera namens FT-2 zehn Jahre lang durch Paris gezogen, am liebsten im Winter oder im Frühjahr, wenn das Laub der Bäume noch nicht die Sicht auf die Fassaden verdeckt, und meist frühmorgens am Wochenende, wenn die Stadt noch nicht voll von Menschen und Autos ist. Der gebürtige Pariser Jérôme Godeau, der in seiner Heimatstadt heute als Lektor arbeitet, hat die Begleittexte verfaßt.

          "Paris im Panorama" versammelt Ansichten im extremen Breitformat aus den unterschiedlichsten Gegenden der Stadt: Eine Sehweise wird auf ganz Paris angewendet, mit durchaus wechselndem Erfolg. Menschen spielen in Poncars Paris-Fotografien nur eine Statistenrolle, dienen der Bevölkerung der architektonischen Szenerie. Manchmal evozieren sie vage das Paris der Vergangenheit, etwa wenn ein Mann mit Mantel und Mütze in Rückenansicht eine Aufnahme vom Jardin du Luxembourg dekoriert, den man durchaus für einen Soldaten vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts halten könnte. Überhaupt arbeitet Poncar häufig mit der Beschwörung solcher images von Paris: Die Bronzetönung mancher seiner Schwarzweißfotografien liefert eine künstliche Patina, die glauben machen könnte, die Bilder seien in der Belle Époque entstanden.

          Es sind häufig melancholische Bilder der Einsamkeit, auf denen kein Treiben herrscht; was hier geschieht, geht lautlos vonstatten. Manche der Farbfotografien erinnern von ferne an die Veduten Canalettos: Panoramen im warmen Licht mit lebhaft bewölktem Himmel und schönen Wasserreflexen. In manche bricht die Natur mit ungebührlicher Kraft herein, wenn etwa unter einem dramatischen Himmel sich die Bäume im Sturm biegen. Andere scheinen unnatürlich arrangiert zu sein; dort wirken die Bauwerke wie Modellbauten.

          Gemeinhin nimmt man Paris wahr als Stadt des schönen Ornaments, des extravaganten Schnörkels. Panoramen interessieren sich für solche Kleinigkeiten nicht. Der Reiz der zahllosen Details teilt sich nicht mit. So kommt es, daß Paris gerade dort, wo es der Besucher für besonders atmosphärisch halten mag, im Breitformat plötzlich öde wirkt: Die Schönheit der einzelnen Fassaden addiert sich zur schier unendlichen Fensterreihe; das Seine-Ufer beherrschen nun die monotonen Kaimauern.

          Umgekehrt gewinnen gerade die zersiedelten Vorstadtviertel an Attraktivität: Was aus der Nähe zusammenhanglos wirkt, empfindet man nun als vielgestaltig und interessant. Das Häßliche wird plötzlich schön, während das Schöne verblaßt.

          Noch etwas verblaßt bei der Lektüre des Bandes, nämlich Umberto Ecos boshafte Satire "Wie man einen Ausstellungskatalog bevorwortet" angesichts der pompösen Nichtigkeiten des Begleittextes von Jérôme Godeau. "Jaroslav Poncar erwehrt sich der Faszination", formuliert der Lektor mit poetischer Ambition gleich zu Beginn. Und wer hätte ohne seine Hilfe erraten, daß die Fotografien mit einer "unaufdringlichen Fülle tiefer Wirklichkeit" aufwarten können? Solche Hohltönerei rückt das Buch unnötigerweise in die ungute Nähe von coffeetable books. Jaroslav Poncar zeigt, was die panoramatische Fotografie über eine Stadt an Wissen und Atmosphäre zu vermitteln imstande ist, und testet, was sie an solchem Wissen preisgibt. Von Godeau bilanziert, klingt das ehrgeizige Vorhaben dann so: "Die Stadt hinterläßt eine unscharfe Vision ihrer selbst." So ist es. - Unsere Abbildung zeigt einen Faun im Jardin du Luxembourg.

          MICHAEL GASSMANN.

          Jaroslav Poncar/Jérôme Godeau: "Paris im Panorama". Emons-Verlag, Köln 2002. 144 S., Abb., geb., 59,- [Euro].

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