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Bürgerkrieg in Sri Lanka : Sie sahen so aus wie ich

Seinen Debütroman hat Arudpragasam neben seiner Dissertation an der Columbia Universität geschrieben. Bild: Everke, Tobias

Sein Debütroman liest sich wie eine kontrollierte Verzweiflungstat. Eine Begegnung mit dem tamilischen Autor Anuk Arudpragasamin und dem Bürgerkrieg in Sri Lanka.

          Unter all den großartigen Büchern des vergangenen Jahres ist „Die Geschichte einer kurzen Ehe“ von Anuk Arudpragasam das erstaunlichste. Nicht nur, weil wir nicht häufig Bücher eines jungen Autors aus Sri Lanka zu lesen bekommen. Der bekannteste aus diesem Land, Romesh Gunesekera, der mit „Reef“ in den Neunzigern und dem Erzählband „Noon Tide Toll“ vor einigen Jahren Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde 1954 geboren und lebt in England. Anuk Arudpragasam ist Jahrgang 1988 und lebt (wenn auch nicht im Augenblick) in Colombo.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erstaunlich aber sind nicht nur seine geographische Herkunft und Jugend. Sondern der Ton, in dem diese immens grausame und gleichzeitig fesselnd poetische Geschichte aus den letzten Wochen des Bürgerkriegs in Sri Lanka, der von 1983 bis 2009 dauerte, geschrieben ist. Die Reduktion des Personals auf einen Protagonisten und zwei Figuren, die in sein Leben treten – die Frau, die er noch am selben Tag heiraten wird, und ihr Vater, der ihn um diese Eheschließung bittet und nach der Trauung verschwindet. Die Reduktion des Raums auf kaum einen Quadratkilometer – ein Flüchtlingslager ziviler Tamilen, die die Regierungstruppen so sehr fürchten wie die Tamil Tigers. Und die Reduktion in der Zeit. Alles spielt sich innerhalb eines Tages, einer Nacht und eines frühen Morgens ab.

          Der tamilische Autor Anuk Arudpragasam in New York.

          Das ist ein literarisch ehrgeiziges Programm. Aber es liest sich nicht wie ein Versuch. Sondern wie eine Verzweiflungstat, die vollkommen kontrolliert ist. Die Wahrnehmung ist aufs Äußerste geschärft. Dinesh, die Hauptfigur, sieht, was sonst übersehen würde – Grashalme, flache Pfützen, Moos auf den Steinen hinter einem kleinen Wald, eine ovale Ausbeulung in einer Einkaufstasche, einen abgebrochenen Stein am Brunnen –, und Arudpragasam findet für diese überwachen Beobachtungen eine Sprache, in der Poesie zum Akt des Widerstands gegen das Unaushaltbare wird. Nicht im Sinne einer Beschönigung, sondern im Sinn von Würde, die der Welt oder zumindest den paar Figuren in diesem Roman und diesem einen Quadratkilometer Land, auf dem sie sich bewegen, zurückgegeben wird. Durch Sprache. Durch Literatur.

          Was bringt einen Autor, der weit weg vom Kriegsgeschehen in privilegierten Verhältnissen in Colombo aufgewachsen ist, dazu, eine solche Geschichte zu schreiben? Woher nimmt er die Anschauung, wie verbindet sich das, was an Dokumentarischem zugänglich ist, mit der Imaginationskraft, dem Vorstellungsvermögen?

          So holen sie die Besten

          Um Anuk Arudpragasam zu treffen, braucht man nicht nach Sri Lanka zu fahren. Er lebt im Augenblick in New York, wo er ein siebenjähriges Stipendium für eine Promotion in Philosophie an der Columbia Universität hat. „Sie geben einem eine Menge Zeit in Amerika, um zu promovieren“, sagt er, und er lacht, weil er weiß, es war ein Riesenglück für ihn, dieses Stipendium zu bekommen. „So funktioniert der Brain Drain“, fügt er hinzu und verhaspelt sich etwas, denn er hatte den Satz mit „So holen sie sich die Besten“ begonnen, war sich dann aber selbst ins Wort gefallen. Arudpragasam weiß, er ist ein riesiges Talent. Jetzt ist die Zeit des Stipendiums fast vorbei, und es sieht so aus, als habe er sie gut genutzt. Er hat diesen Roman geschrieben, und er arbeitet an seinem zweiten. Die Dissertation ist fast fertig. Es geht um Gewohnheit und Glauben, um William James und die Frage, inwieweit wir in unserem Handeln Absichten folgen. Wenn man nicht weiterhin akademisch arbeiten und an der Uni bleiben wolle, meint er, sei es nicht so schwierig, selbst an einem Ivy League College wie der Columbia zu promovieren. Er habe nur etwa acht oder neun Philosophiebücher gelesen und sich sehr bemüht, sich nicht allzu sehr in sie zu versenken. Denn er wusste, diese sieben Jahre sind seine Chance, Schriftsteller zu werden.

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