https://www.faz.net/-gqz-94vtd

Bürgerkrieg in Sri Lanka : Sie sahen so aus wie ich

Den Opfern wurde die Würde genommen

„Der erste Schock war“, erzählt er, „dass die jungen Männer, die verletzt oder getötet wurden, so aussahen wie ich. Wie kommt es, dass ich am Leben bin, habe ich mich gefragt? Warum bin ich es nicht, der auf diesen Bilder zu sehen ist? Ich bin nach dem Bürgerkrieg sehr politisch geworden und habe angefangen, die Geschichte in größerem Zusammenhang zu sehen. Den britischen Kolonialismus, der letztlich für diesen Krieg verantwortlich war, und der der Grund ist, warum ich Englisch spreche. Ich würde gern die Spuren der Kolonialzeit in mir selbst ausradieren.“

Ob er Interviews mit den Menschen geführt habe, die er auf seinen Reisen mit dem Psychiater kennengelernt hat? „Ich weiß nicht, ob Interview das richtige Wort ist“, antwortet Anuk Arudpragasam wieder. Er habe Gespräche geführt, so die Menschen sprechen wollten, und als ich sage, dass ich die Schönheit seiner Sätze als einen Akt des Mitleids verstanden hätte, als Weigerung, das Elend und die Grausamkeit sprachlich zu verdoppeln oder gar auszuschlachten, sagt er: „Ja, Teil der Motivation für diesen Roman war das Gefühl, den Opfern wurde ihre Würde genommen, und zwar erst dadurch, was sie ertragen mussten, dann in der Art und Weise, wie sie auf Fotos und Videos dargestellt wurden, und schließlich dadurch, wie diese Fotos und Videos kommuniziert wurden. Ich wollte ihnen ein Stück Würde zurückgeben. Obwohl ihre Situation grundsätzlich nichts von Würde an sich hat.“

Und auf der Grundlage dessen, was er von den Menschen und an den Orten erfahren habe, habe er mittels seiner Imagination diese Geschichte erfunden? Noch einmal sagt Arudpragasam: „Ich weiß nicht, ob ich es Imagination nennen würde.“ Er zieht es vor, davon zu sprechen, wie er sich hineingefühlt habe in die Lage dieser Menschen, versucht habe, sich an ihrem Platz vorzustellen.

Der erste Satz der „Geschichte einer kurzen Ehe“ ist unglaublich in seiner Prägnanz, die uns vorbereitet auf das, was kommt. Ein Satz, in dem ein Teil des Buchs bereits enthalten ist. Manchmal ist der erste Satz ja nur der Einstieg, eine Schwelle in den Raum hinein, in dem sich das Folgende entfaltet. Aber manchmal, so wie hier, ist er fast der wichtigste, der, in dem die Bewegung, die Atmosphäre, das Thema vorgegeben werden. Der erste Satz der „Geschichte einer kurzen Ehe“ lautet:

„Die meisten Kinder haben zwei ganze Beine und zwei ganze Arme, aber der kleine Sechsjährige, den Dinesh trug, hatte schon ein Bein verloren, das rechte knapp oberhalb des Knies, und jetzt würde er auch noch den rechten Arm verlieren.“ Arudpragasam hat diesen Satz nicht geschrieben, als er mit diesem Roman begann, sondern irgendwann viel später, als ihm klar geworden war, was für ein Buch dies werden sollte. Dass wir Dinesh von außen, das hier so aussieht wie in diesem Satz, in seinen inneren Zustand folgen werden. Dass wir so nah an ihn herankommen werden, bis wir am Ende mit ihm atmen, flach und „unwillkürlich und ohne Rücksicht auf irgendetwas anderes als die kleine Menge Luft, die sein Körper noch halten konnte“.

Weitere Themen

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Sie finden mich also gruselig?

Erzählungen von Joey Goebel : Sie finden mich also gruselig?

Ein Stalker wirft sich einem anderen in den Weg, eine Lehrerin holt ihren Lieblingsschüler von einer Party ab: In „Irgendwann wird es gut“ hat Joey Goebel eine neue Balance von Satire und Zärtlichkeit gefunden.

Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

Topmeldungen

EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“
Unsere Sprinter-Autorin: Rebecca Boucsein

F.A.Z.-Sprinter : In der Hitze die Nerven bewahren!

Der Sommer hat Deutschland fest im Griff und steuert auf einen Rekord zu. Die Bauern debattieren über ausgedorrte Felder – und die Bundeswehr sucht die Ursache des Eurofighter-Absturzes. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.