https://www.faz.net/-gqz-94vtd

Bürgerkrieg in Sri Lanka : Sie sahen so aus wie ich

Arudpragasam wohnt in Brooklyn. Als Treffpunkt hat er das McNally Jackson in SoHo vorgeschlagen, einen der unabhängigen Buchläden, die in New York noch im Geschäft sind, und er ist pünktlich. Dabei kommt er von ziemlich weit her an diesem Tag, nämlich aus Dhaka in Bangladesch. Er hat das erwähnt, als er unser Treffen um ein paar Stunden verschob, und es klang so, als sei er dort zu einem Literaturfestival eingeladen gewesen. Dabei hat er einen Preis gewonnen – den DSC Prize for South Asian Literature, der prestigeträchtig ist und mit 25 000 Dollar gut dotiert. Es ist der erste Preis für „Die Geschichte einer kurzen Ehe“, und Anuk Arudpragasam wirkt stolz, aber nicht übermäßig verblüfft, dass er ihn gewonnen hat.

„Zu Hause sprechen wir Tamil“

Es ist kalt in New York. Der Fotograf will trotzdem nach draußen gehen und den Autor in seinem riesigen dunklen festen Mantel mit den breiten Schultern, der weit über die Knie reicht, auf Asphalt im Licht der Straßenlampen fotografieren. Arudpragasam macht alles mit, ein wenig schüchtern, aber selbstbewusst, er ist zurückhaltend, aber lässig. Nur lächeln, das tut er nicht. Später im Gespräch, das er offen führt, zögernd manchmal, wenn er nachdenkt, wird er ein paar Mal lachen. Da sieht man dann, er ist noch keine dreißig.

„Die Geschichte einer kurzen Ehe“ schrieb Arudpragasam auf Englisch. Im Juli 2017 erschien der Roman in deutscher Sprache.

Geschrieben hat er sein Debüt auf Englisch. Das sei seine erste Sprache, sagt er, auch wenn seine Muttersprache Tamil sei. Aber er verbrachte mit seiner Mutter – die er immer als Erste erwähnt, wenn er von seiner Familie spricht – und seiner Schwester die Jahre von 1994 bis 1996 in Australien, ging dort in die Schule, und als er zurückkam, machte er in Colombo auf englischsprachigen Schulen weiter, so dass er alles, was etwas komplexer ist, in dieser Sprache sagt. Und schreibt sowieso. Ein Erbe der Kolonialzeit. „Zu Hause sprechen wir Tamil“, sagt er, „aber es ist ein einfaches Tamil. Wir sprechen nicht über sehr komplizierte Dinge.“ Seit fünf oder sechs Jahren arbeitet er daran, Hochtamil zu lernen, damit er seine nächsten Bücher in dieser, in seiner Sprache schreiben kann. Ob er die Sprache seiner Literatur komplett wechseln wird, weiß er noch nicht. Aber es ist ihm wichtig, das literarische Tamil zu meistern und wenigstens teilweise vom Englischen wegzukommen.

Das kann man auch an dem erkennen, was er liest. Für sein nächstes Buch (Arbeitstitel: „Taximonoy of Yearnings“), in dem es um die verschiedenen Formen von Sehnsucht und Begehren gehen wird, sind viele aus dem Sanskrit übersetzte Texte darunter. Geschult aber ist er an Péter Nádas, Robert Musil, Proust, Sebald. Als einzigen englischsprachigen Autor, den er liest, nennt er Samuel Beckett und von ihm die Trilogie um den „Namenlosen“.

So genau wie seine Beschreibungen im Roman sind, so genau nimmt Anuk Arudpragasam es im Gespräch. Wie er recherchiert habe? „Ich weiß nicht, ob Recherche das richtige Wort ist“, antwortet er. Er habe einen Psychiater in den Norden des Landes begleitet. In Sri Lanka habe es damals 43 Psychiater gegeben, und nur einer von ihnen sei im Süden bei den Opfern des Bürgerkriegs, den Witwen, den traumatisierten Kindern unterwegs gewesen. Er habe sich ihm immer wieder für einige Wochen angeschlossen, nachdem er Bilder und Videos von Bürgerkriegsopfern in den sozialen Medien gesehen habe. Professionelle Kriegsfotografie ästhetisiere meistens, meint er, diese Amateuraufnahmen aber seien ohne jede Form, und den Menschen, die auf ihnen zu sehen seien, wäre es sicher nicht recht, wenn sie so gesehen würden.

Weitere Themen

Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Topmeldungen

Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.