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Ein „Museum des Exils“ : Schade, dass Sie Tommy nicht erlebt haben

Später empfing ihn sogar Elias Canetti, der sich, um Anfragen abzuwimmeln, am Telefon gerne als sein Bruder ausgab: „Das war kurz nach dem Mauerfall, den ich in Berlin miterlebt hatte, dazu hat er mich ausführlich befragt. Ich musste ihm garantieren, dass ich zu seinen Lebzeiten niemandem davon erzähle.“ Selten wird er abgewiesen: „Bei Erich Maria Remarque in Ronco hatte ich mich verspätet, das hat er übelgenommen. Aber als ich ihm zwei Originalausgaben entgegenhielt, war er versöhnt.“ Andere trifft er bei Lesungen, immer hat er ein Buch zum Signieren dabei: Sartre in der Bonner Uni, Ungaretti im Italienischen Kulturinstitut in Köln, Gabriel Marcel beim „Aschermittwoch der Künstler“.

„Plädoyers gegen das Vergessen“

Nach dem Abitur jobbt Schumann in einer Buchhandlung und studiert Germanistik. In Antiquariaten und auf Trödelmärkten, die er in halb Europa durchstöbert, entdeckt er Autoren, von denen er auf der Universität nie gehört hatte, und hat bald eine Bibliothek mit Exilliteratur zusammengekauft: „In Holland war das besonders ergiebig, selten kostete ein Buch mehr als fünf Gulden.“ Namen wie Oskar Maria Graf, Richard Hülsenbeck oder Konrad Merz kannte damals kaum jemand. Irmgard Keun suchte er an ihrer Kölner Adresse und fand sie in der Bonner Landesklinik, wo sie auf Entzug war: „Ich hab’ sie ins Café eingeladen, sie hat sich erst mal einen doppelten Cognac bestellt.“

Tagebuch hat Schumann über seine Begegnungen nicht geführt, doch früh in Zeitungsartikeln - auch für dieses Feuilleton - an vertriebene und vergessene Schriftsteller erinnert. Mehreren Verlagen hat er eine „andere Bibliothek“ vorgeschlagen, „interessant fanden das viele, aber alle haben abgewinkt: Das lässt sich nicht verkaufen.“ Seine „Plädoyers gegen das Vergessen“ kommen 1979 in einem Kleinverlag heraus, im Jahr darauf ediert er die Gedichte von Ernst Blass bei Hanser. 1995 gründet er seinen eigenen Verlag, die „Edition Memoria“, in der bis heute - „ich hab keinen Vertreter und mache alles selbst“ - dreißig Titel erschienen sind. Mit einem Lyrikband von Hans W. Cohn fing es an, „das war ein Tipp von Erich Fried“. Erben von ihm publizierter Autoren - so von Jo Mihaly oder Felix Gasbarra - haben ihm Nachlässe übertragen. Elisabeth Mann Borgese, der jüngsten Tochter des Nobelpreisträgers, deren Prosaband „2 Stunden“ er unter dem Titel „Der unsterbliche Fisch“ wieder auflegte, war er freundschaftlich verbunden. Da schließt sich ein Kreis.

„Die Wand links sind Erstausgaben“, sagt Thomas B. Schumann im nächsten Zimmer und zieht ein Buch heraus, „Die Kapuzinergruft“ von Joseph Roth, verlegt 1938 in Holland bei De Gemeenschap, „und die Wand rechts sind Widmungsexemplare“. In seinem Arbeitszimmer gibt es keine Lücke, für den Schreibtisch bleibt nur eine schmale Fläche. Im Keller geht es weiter, den Raum, wo der Öltank stand, hat er dekontaminiert. „Ich kann auch nichts wegwerfen, selbst die Auktionskataloge hebe ich auf“, seufzt er vor einem schulterhohen Stapel.

Seit fünfzehn Jahren sammelt Schumann auch Bilder von Exilkünstlern, „um die tausend sind es inzwischen“. Die Zahl der Bücher schätzt er auf „vierzig- bis fünfzigtausend“. Kartei führt er keine, er kennt jeden Standort. Und wie sieht er die Zukunft seiner Sammlung? Ein „Museum des Exils“ schwebt ihm vor, schon lange sucht er einen öffentlichen Träger. „Es gibt in Deutschland ein Bratwurst-, ein Pfefferminz- und ein Gießkannen-Museum, aber keines zum Exil.“ Verwandte Projekte wie das „Zentrum für Verfolgte Künste“ in Solingen sieht er kritisch: „Das Exil von 1933 bis 1945 war ein einschneidendes und singuläres Phänomen, das kann man nicht mit anderen Verfolgungssystemen wie dem der DDR zusammenführen.“ Die Hoffnung, ein Haus zu finden, hat er nicht aufgegeben. Was er in seinem Bungalow zusammengetragen hat, ist das Fundament dafür.

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