https://www.faz.net/-gqz-8w22h

Harry Rowohlt erzählt : Alles Gute will gekonnt sein

Autor, Kolumnist, Übersetzer und Rezitator: Harry Rowohlt Bild: Wolfgang Eilmes

Er trank Paddy, weil . . . Harry Rowohlt erzählt Anekdoten aus seinem Leben, ahmt Dialekte nach und tut auch sonst nur Sinnvolles zu fast jedermanns Vergnügen. Was für ein Hörbuch!

          Wer ihn kennt, kauft sich über die Jahre alles oder mindestens das meiste von dem zusammen, was er geschrieben, übersetzt und vorgetragen hat. Weil sie nichts von alledem ohne Gewinn lesen und hören, so gut und klug und komisch ist es. Der schöne Satz beispielsweise, das Buch müsse man in Rowohlts Übersetzung lesen, im Original gehe viel davon verloren, ist einfach wahr. Und da Harry Rowohlt nun völlig sinnloserweise schon fast zwei Jahre tot ist, weil er nur siebzig wurde, reicht solchen Leuten die Anzeige aus, dass es die Anekdoten aus Rowohlts Leben, die er 2002 als „In Schlucken-zwei-Spechte“ publiziert hat, jetzt auch hörbar gibt – in reizend wohnküchenhafter Aufnahmequalität –, zumindest einige davon. Hiermit getan.

          Wer Harry Rowohlt aber nicht kennt, was machen wir mit dem? Oder, um das schwer Vorstellbare doch für möglich zu erklären, mit denjenigen, die ihn zwar kennen, aber nicht alles von ihm? Die brauchen jetzt vielleicht doch eine Rezension. Gerne.

          Er wird werden, was er ist

          Rowohlt erzählt, wie er, 1945 geboren, als Schauspielerkind – „mein Vater hatte immer den Ehrgeiz, Schauspielerinnen zu heiraten, um sie dann aus ihrem Beruf zu entfernen“ – ständig umgezogen wurde und dadurch Alfred Polgar kennenlernte. Dass er lange seinen Nachnamen nicht schreiben konnte, weil er der manchen Ehen seiner Mutter halber ständig einen anderen hatte. Was man ihm auf der Waldorfschule beibrachte: „mit ungeheurem pädagogischen Aufwand – nix“. Wie er irgendwann zu seinem Entsetzen erfuhr, gar kein schlechter Schüler gewesen zu sein: „Furchtbar.“ Dass er in der Schwedenstaffel – der Erste läuft 400 Meter, der Zweite 300 Meter und so weiter – immer als Letzter lief, aber nie wusste, wer vor ihm, denn man schaut ja nicht zurück als Staffelläufer. Wie er dann doch nicht Verleger wurde, obwohl sein Vater ihn dafür vorgesehen hatte und er sich wohl zunächst irgendwie auch, weswegen er zu Suhrkamp – „Fräulein Praatz in der Herstellung beging regelmäßig Selbstmord“ – in die Lehre gegangen war. Und wie ihm Siegfried Unseld danach ins Zeugnis schrieb: „Er wird werden, was er ist.“ Was dann ja auch so gekommen sei.

          Er wurde Werbetexter – „Ich trinke Jägermeister, weil . . .“ – und Übersetzer, einer der besten, verkaufte seine Verlagsanteile und wurde außerdem noch Vorleser, einer der allerbesten, Schauspieler in der Lindenstraße sowie Kolumnist. Vom Lesen und Schreiben erzählt Rowohlt weniger, weil er am liebsten von Leuten und Situationen erzählt, aber zu Hause am Schreibtisch sitzen eben keine Leute und machen keine Szenen. (Sie machen nur, wie schlechte Übersetzer oder ungebildete Autoren, jede Menge Ärger, wenn sich etwa „Nasen wie David Sedaris“ vier Seiten lang in ein Wort verbeißen, das sie dauernd wiederholen, um es danach nie wieder zu verwenden.) Dafür gibt es bei Lesungen umso mehr Szenen, weswegen es jede Menge Anekdoten davon und von Gardelegen über Marburg bis Leer und „Scheiß Leverkusen“ gibt. Leser aus Leverkusen müssen jetzt nicht verstimmt sein, denn wenn Rowohlt diesen Vers auf das singt, was er für Bayrisch hält, nimmt das Ganze einen versöhnlichen Ausgang.

          Vom Sorgenblick der Boxer

          Wie überhaupt Harry Rowohlt selbst in seinen härtesten Urteilen – über Schwaben, das Verlagsgebäude von Rowohlt in Reinbek („sieht von oben wie ein Hakenkreuz aus“), über seine Großmutter und über Hans Wollschläger (konnte kaum Englisch) – immer nur die objektive Komik aufruft, die er erlebt hat. Das Vergnügen an diesen Geschichten liegt so in einzelnen Sätzen voller Weltkenntnis und Weisheit. Die Analyse der Boxerhundeexistenz beispielsweise (also nicht der Hunde von Boxern, sondern der Hundesorte Boxer), die nach der Maxime lebten, alles, was größer sei als man selbst, sei zu bekämpfen, alles, was gleich groß sei, zu vögeln, alles, was kleiner sei, zu beschützen: „Deswegen kucken Boxer so besorgt, weil sie jeden Tag 80 000 Entscheidungen treffen müssen.“ Oder: „Damals machte man mit achtzehn Abitur und wurde mit einundzwanzig mündig. Inzwischen ist es mehr als umgekehrt.“ Oder auch: „Mein Vater, Ernst Rowohlt, welcher einer der wenigen Menschen war, die gar nichts konnten, immer wieder erstaunlich, wie unbegabt der in jedem Bereich war. Toll.“

          Harry Rowohlt war begabt in allem, was er machte, und ein richtiger Handwerker, der keinen Pfusch abliefern wollte und es darum auch nicht tat. Nicht einmal wenn er privat wird, tut er es, auch hier ein Mann mit Stil. Wer sich sein Leben anhört, vertut keine Zeit, wer dieses Hörbuch verschenkt, stiehlt sie keinem anderen und wird Dankbarkeit ernten. So, das muss jetzt aber für alle genügen, die das Vergnügen der Bekanntschaft noch vor sich haben.

          Weitere Themen

          Erfolgsgeheimnis Penetranz

          Herzblatt-Geschichten : Erfolgsgeheimnis Penetranz

          Die Klatschblätter sind unzufrieden: Heidi Klum macht zu viele Anspielungen, Archie wird ohne Skandale getauft und David Hasselhoff wünscht sich derzeit eher kein Baby. Die Herzblatt-Geschichten.

          Topmeldungen

          Undatierte Aufnahme der „Stena Impero“

          Straße von Hormus : Iran stoppt Öltanker im Persischen Golf

          Die Lage im Persischen Golf spitzt sich zu. Nach eigenen Angaben setzt Iran einen britischen Öltanker in der Straße von Hormus fest. Ein zweites aufgebrachtes Schiff ist mittlerweile wieder freigegeben.

          Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

          Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.