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Ein Besuch bei Norman Mailer : Der Mann, der mich töten wollte

  • -Aktualisiert am

Am Schlimmsten ist es mit den Augen - Norman Mailer ist alt geworden Bild: AP

Wer „Das Schloss im Wald“ liest, diese fünfhundertseitige Zumutung, in der es um die Zeugung Hitlers geht, der hält Norman Mailer für einen Mann, der immer noch Bäume fällt. Peter Richter hat ihn in seinem Sommerhaus auf Cape Cod besucht.

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          Von Brooklyn, wo Norman Mailer herkommt, bis nach Cape Cod, wo er den Sommer über wohnt, sind es gut sechs Stunden Fahrt, zum Wochenende hin eher sieben. Provincetown liegt ganz im Norden der Insel. Die Pilgerväter haben dort den Mayflower-Vertrag unterzeichnet. Das zweite entscheidende Ereignis war, dass eine Vereinigung von örtlichen Geschäftsleuten in den siebziger Jahren begann, „P-Town“ zum bekanntesten gay resort nördlich von Fire Island zu machen. Anwälte aus Boston gehen hier in Trecking-Sandalen Hand in Hand Lobster essen, und danach radeln sie zum Strand, oder umgekehrt.

          Auch wenn man natürlich weiß, dass das hier immer auch ein Refugium der Schriftsteller gewesen ist, von Tennessee Williams bis Eugene O'Neill: An Ort und Stelle kommt es einem unwahrscheinlich vor, dass ausgerechnet hier, in diesem niedlichen, schwulen Fahrradfahrer-Feriendorf, ein Schriftsteller zu Hause sein soll, der sich zeit seines Lebens als heterosexuellstes Exemplar seiner Art geriert hat, als straight in jeder Beziehung. (Er hat dann auch eine entsprechende Erklärung für das Ambiente: nämlich: Freiheit! Cape Cod - der Wilde Westen des Ostens, daher.) Mailers Haus steht fast schon am Ortsausgangsschild, und wie um seine Differenz zu markieren, ist es als einziges nicht weiß und aus Holz, sondern rot und aus Backstein. Die Tür steht offen. Gleich dahinter liegt das große Wohnzimmer, und jenseits der Panoramascheiben: die Terrasse, die Dünen, das Meer. Wer den Ausblick malen wollte, brauchte sehr viel weiße Farbe.

          Auf dem Altersgipfel

          Norman Mailer betritt diesen Raum, als wäre er auf einer Expedition. Ein Bergsteiger auf den Gipfeln des Alters. Er tastet sich mit zwei Gehstöcken voran, ist dick in Wolle gepackt, und seine Füße stecken in Ugg Boots; das sind australische Lammfellstiefel, und Leute, die sich mit diesen Dingen auskennen, sagen, dass Mailer damit modisch sogar ziemlich vorne dran sei. Es ist ein vollständig verwirrender Anblick. Das Gesicht braucht eine ganze Weile, bis es seinen Fotos ähnelt. Über die Bilder von der lebenden Legende, von dem Weltkriegssoldaten, Erfolgsschriftsteller, Großromancier, Partylöwen, Boxexperten, Antifeministen, Schauspieler und Politpolterer schiebt sich die zerbrechliche Erscheinung eines Greises, der im Korbstuhl versinkt und sich vor dem Gespräch das Gebiss in den Mund schiebt.

          Regelmäßige Schnalzgeräusche legen sich über die bröckelnde Stimme und machen seine Ausführungen schwer verständlich. Immer wieder kommt er auf seine Beschwerden zu sprechen. Er hört sehr schwer und hat Atemprobleme. Zwischendurch wird der Assistent losgeschickt, neue Inhalationsgeräte zu besorgen. Am schlimmsten sei es aber mit den Augen. Im Frühsommer hatte Mailer noch für Aufregung gesorgt, als er öffentlich Günter Grass beisprang, Verständnis für die Mitgliedschaft in der SS äußerte und ein Kapitel aus dessen Erinnerungen als vorbildliche Kriegsbeschreibung lobte (siehe auch: Norman Mailer trifft Günter Grass in New York). Jetzt muss er gestehen, dass er mehr als dieses Kapitel aus dem Grass-Buch dann auch nicht mehr gelesen habe. Zu anstrengend. Lesen schmerze.

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