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Ein Besuch bei Norman Mailer : Der Mann, der mich töten wollte

  • -Aktualisiert am

Sogar der Klang der deutschen Sprache, in der Mailer für den Roman Unterricht genommen hatte, ist bei ihm vor allem eine Funktion des Eruptiv-Kreatürlichen. „I love the ,chhrrr' in German“, sagt Mailer, und es klingt, als löse sich ein Rasselhusten. Im Buch steht: „Diese Sprache war voll von Magenknurren und dem Wind in den Därmen der Lebensgenießer, den Kommandos, die man Haustieren zuruft, und dem Brüllen, das einem beim Anblick von Blut in der Kehle aufsteigt.“

Schund und Schutz

Er erwarte, in Deutschland dafür gescholten zu werden, das Thema Hitler überhaupt angesprochen zu haben. Das ist angesichts der Präsenz von Hitler bis tief in die Freitagabend-Comedy hinein allerdings unwahrscheinlich. Am Ende sind es doch eher die amerikanischen Verhältnisse, die dem Buch seinen Resonanzraum geben. Hier funktionieren die Reflexe von Mailer immer noch tadellos. Man muss nur den Namen George W. Bush aufrufen, und schon geht zuverlässig eine Schimpfkanonade los, deren Wortlaut man im Wesentlichen aus früheren Interviews schon kennt. Norman Mailer muss sich in seinem Alter nicht jedes Mal neue Formulierungen für das Immergleiche ausdenken. Bemerkenswert ist aber, in welchem Maße seine erklärten Feindbilder auf ihn abgefärbt zu haben scheinen.

Es ist ein bisschen wie mit dem europäischen Orientfaible nach den Türkenkriegen: Der manichäische Dualismus zwischen Gut und Böse, auf dem sein Roman fußt, war vor fünf, sechs Jahren noch etwas, das er der republikanischen Rechten als Dummheit vorgeworfen hat. Heute sagt Mailer, er glaube durchaus auch daran, dass diese beiden Kräfte einen Kampf um die Welt ausfechten. Norman Mailer geht recht offensiv damit um, dass er zu der Sorte linker Atheisten gehört, die auf der Zielgeraden doch noch religiös werden. Nicht, dass er neuerdings in die Synagoge ginge. Auffällig ist nur: Seit mit Bush ein Angehöriger einer Kirche von wiedergeborenen Christen Präsident Amerikas und Lieblingsfeind Norman Mailers ist, gehört die Wiedergeburt auch zu Mailers Dauerthemen. Es gibt aus den letzten Jahren kein Interview, in dem er nicht die Geschichte erzählt hätte, wie er oben im Himmel darum bittet, als schwarzer Athlet wiedergeboren zu werden, und sie bewilligen ihm nur eine Existenz als Kakerlake in Brooklyn, wenn auch als sehr schnelle. Man schmunzelt dann pflichtschuldig.

So geht das nicht, Herr Mailer

Man muss bei Mailers Alter davon ausgehen, dass es ihm mit dieser Selfmade-Religiosität bitterernst ist - weil es Trost und Hoffnung bedeutet, vor allem aber weil es die Leute provoziert. Mailer schimpft dann ein bisschen auf die Intellektuellen, die, nur weil sie schreiben könnten, noch lange nicht recht haben müssten. Angesichts der großen Sommeroffensive von schreibenden Gottesleugnern legt es Norman Mailer jetzt augenscheinlich darauf an, den Anti-Hitchens zu geben. Mitte Oktober erscheint zu diesem Zweck und zu diesem Thema „On God - an uncommon conversation“. Es könnte passieren, dass dieses Buch sogar mehr Leser findet als das „Schloss im Wald“. Dort heißt es auf der letzten Seite: „Ich gestehe, dass ich ein überraschend hohes Maß an Zuneigung für diejenigen meiner Leser empfinde, die mich auf diesem ganzen Weg begleitet haben.“ Und man würde sich wünschen, dass diese Zuneigung darin kenntlich wird, dass Mailer weniger über die letzten Dinge nachdenkt als über ein wirklich letztes Buch über Hitler. Denn nach diesen fünfhundert Seiten steht kein Ende, sondern eine Art Doppelpunkt: Man hat das Gefühl, jetzt geht die Geschichte eigentlich erst los, das war nur der Prolog. Nach Hitlers sechzehntem Lebensjahr kommt unvermittelt der hintere Buchdeckel. So geht das nicht, Herr Mailer, wer so viel Aa sagt, der muss auch . . .

Jaja, er wolle ja weitermachen, die Recherche sei abgeschlossen, er wisse nur nicht, ob er es noch schaffe. Die Atembeschwerden. Die Augen. Er schreibe das ja auch alles mit der Hand.

Es klingt nicht gut. Aber da sind noch fünfhundert bis tausend Seiten drin in der Hand. Mindestens. Das weiß man, wenn man sie zum Abschied schüttelt.

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