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Ein Besuch bei Norman Mailer : Der Mann, der mich töten wollte

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Unglücklicherweise, klagt Mailer, falle es ihm inzwischen leichter zu schreiben, als das Geschriebene noch einmal zu lesen. Einem Norman Mailer wäre das sicher nicht recht, aber manchmal möchte man einfach nur rübergehen zu dem Sessel und trösten. Das also ist heute der Mann, der mit „Die Nackten und die Toten“ 1948 ganz früh auf dem Höhepunkt war und dessen absoluter Tiefpunkt, die Messerattacke auf seine Frau, auch fast schon wieder fünfzig Jahre her ist. Mailer ist jetzt 84 Jahre alt, und da verhalten sich Autor und Werk wie bei Dorian Gray, nur andersherum: Die ganze virile Vitalität dieses Mannes steckt jetzt in den Büchern, über denen er alt geworden ist. Mailers Prosa ist immer noch kraftvoll, saftig und kein bisschen tatterig. Wer „Das Schloss im Wald“ liest, rechnet mit einem Mann, der immer noch Bäume fällen geht. Wenn jetzt die deutsche Übersetzung erscheint, wird die Kritik womöglich eine ähnliche Erfahrung machen wie Anfang des Jahres, als in den Vereinigten Staaten das Original erschien: Es ist eine fünfhundert Seiten dicke Zumutung - aber es liest sich. Es macht mitunter sogar etwas Spaß. Dabei geht es im Wesentlichen um die Geschichte der Zeugung Adolf Hitlers. Entsprechend verstört waren die Echos.

Eine verwirrende Geschichte? Ja

Zehn Jahre nach dem „Jesus-Evangelium“ jetzt also das genaue Gegenteil: Mailer gibt seine Stimme dem Teufel oder jedenfalls einem Unterteufel, der für die Früherkennung und Förderung des absolut Bösen zuständig ist. In seinem Alter stelle sich die Frage, wie viele Bücher er noch schaffe, und eines über Hitler habe er unbedingt noch schreiben wollen, schon deshalb, weil er, Mailer, Jude sei. Hitler niste in seinem Leben, seit er neun Jahre alt war, seit 1932, als seine Mutter ihm mitteilte, dieser Mann mit dem Bärtchen da drüben in Deutschland habe vor, alle Juden zu ermorden.

Man kann Mailer wirklich nicht den Vorwurf machen, die Geschichte nicht von Anfang an erzählt zu haben. Tatsächlich geht es eher um Hitlers Eltern. Der Arbeitstitel habe eigentlich „Hitlers Mutter“ gelautet, und der Verleger, so Mailer, wird geweint haben, als das nicht mehr in Frage kam, weil sich Mailer dann doch bei der Gestaltung von Hitlers Vater Alois mehr zu Hause fühlte. Detailliert und sinnenfroh schildert Mailer zunächst einmal die regen Sexualkontakte dieses Zollbeamten zu den Kellnerinnen halb Österreichs, gelegentlich aber auch zu Stallvieh und eigenen Verwandten: Adolf Hitler ist nach Norman Mailer Produkt der Inzucht mit Klara Poelzl, die nicht nur die Nichte des Kindsvaters gewesen sei, sondern auch die Tochter ihres Ehemannes. Verwirrend? Ja.

Sprache voller Darmwinde und Magenknurren

Zum Durchatmen geht es dann aber auch mal fünfzig Seiten lang um nichts anderes als die Krönung von Zar Nikolaus II. Breiten Raum nimmt außerdem ein Imker ein, der den kleinen Adolf über die Bienenzucht mit den Grundzügen autoritärer Staatswesen vertraut macht. Den Rest besorgt die Lektüre Heinrich von Treitschkes. Ansonsten kündigt sich das monströse Ende der Geschichte, das dem Roman gewissermaßen von außerhalb der Buchdeckel sein Ziel und seinen Sinn gibt, vor allem durch Ekligkeiten an. Der Faschismus wird hier zu einer Frage der Ausscheidungen. Hitler ejakuliert vor Begeisterung über alte Festungen und wischt sich mit dem Schulabschlusszeugnis den Hintern ab, was schon ein Fortschritt ist, denn ein paar Seiten vorher hatte es noch geheißen, dass die ganz armen Leute in Österreich die bloßen Hände dazu nähmen. „Zwischen Pisse und Scheiße geboren werden! Er hatte es schon immer vermutet. Geschlechtsverkehr war schmutzig“, heißt es an einer Stelle, und auch der sogenannte deutsche Gruß erklärt sich hier noch aus dem Geist des Schulklos: „Sie mochten ihre zwei Hoden haben und er nur einen, aber er konnte seinen Arm lange hochhalten und sie nicht.“

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