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Corona-Ferien mit Mama : Ein abgeschlossener Fall

  • -Aktualisiert am

Im Haus der Mutter ist man vor Ansteckung ziemlich sicher: Datschen-Idylle bei Moskau Bild: Picture-Alliance

Schließt die Fenster, sperrt die Türen: Der starke russische Mann beschützt seine gebrechliche Mutter und hat eigentlich vor nichts Angst. Eine didaktisch-humoristische Kurzerzählung.

          3 Min.

          Ein Mann hatte furchtbare Angst vor dem Corona-Virus. Das heißt, als er im Januar, Februar von ihm erfuhr, hatte er ein bisschen Angst (er las auf Facebook, dass die Seuche nicht gefährlicher sei als eine Grippe), im März wurde seine Angst stärker, und als der April näherrückte, wurde sie ganz schlimm. Der Mann war nicht alt, er hatte weder eine Lungenkrankheit noch Diabetes noch – klopf auf Holz! – Onkologie, und er war auch nicht um sich selbst besorgt, sondern um seine achtzigjährige Mutter. Als die arbeitsfreie Zeit ausgerufen wurde, fuhr er zu ihr, isolierte sich zusammen mit Mama, um sie zu beobachten, ihre Temperatur und den Blutdruck zu messen, Medikamente und Lebensmittel zu besorgen.

          Der Mann rauchte nicht, trank nicht zu viel Alkohol, er hielt Diät, ging mit Skistöcken spazieren, besaß Ersparnisse, war also für Notlagen gerüstet. Dabei ist anzumerken, dass er außer der Angst um Mama auch eine gewisse Neugier empfand: Der Ölpreis und der Rubelkurs brechen ein, die Wirtschaft stürzt in den Orkus. Und ihr nach, so war anzunehmen, die Politik, so dass er außer Furcht (wie gesagt, um Mama) zum ersten Mal seit vielen Jahren einen vorsichtigen Optimismus verspürte. Denn wie habt ihr euch das vorgestellt? Damit es später besser wird, muss es jetzt schlechter werden, und zwar wesentlich schlechter. Aber Mama – was wird mit Mama? Das Alter plus Zucker und Gefäße, ihr Blutdruck wechselt mit dem Wetter. Aber sie kommt einstweilen ohne Hilfe zurecht, eine tolle Frau.

          Kriegslieder vertreiben die Sorgen

          Und so erzählte der Mann seit Anfang März überall herum, wie sehr er sich um sie sorgt. Wegen der Kinder muss man sich nun wirklich nicht beunruhigen, Kinder erkranken insgesamt nicht ernst, seine Frau ist elf Jahre jünger als er, da braucht man auch keine Angst zu haben, und natürlich ist er auch nicht um sich selbst besorgt. Überlegen wir mal, wie groß ist sein Sterberisiko? Ein bis anderthalb Prozent. Ein echter Mann regt sich nicht wegen Kleinigkeiten auf. „Wenn ich mich in die E-e-erde leg’, so nur das letzte Mal . . .“ – im Übrigen wäre es ihm lieber, wenn sein Leichnam verbrannt würde. Also alles klar? Er hat eine recht angenehme Stimme, das finden viele und er auch, und er sang jetzt ständig. Muntere Lieder, Kriegslieder, was soll man sonst singen? Demokratische Lieder gibt es nicht. Ob er nervös ist? Kann sein, er ist ja um Mama besorgt.

          An einem Aprilmorgen hatte Mama ihm seine geliebten Quarkpfannkuchen gebraten und mit Erdbeermarmelade übergossen. Er beugte sich darüber, atmete tief durch die Nase ein – und empfand keinerlei Geruch. Er biss von einem Quarkpfannkuchen ein Stück ab – oh Schreck, auch die Geschmacksempfindung war weg. Er bekam Halsschmerzen, ihm stockte der Atem. Der Mann wollte mit seiner schönen tiefen Stimme sagen: „Offenbar hab ich was abbekommen“, brachte aber nur im Falsett heraus: „Mama, das Fieberthermometer!“

          Der Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow lebt die meiste Zeit in der Kleinstadt Tarussa unweit von Moskau.

          An das, was dann geschah, erinnerte er sich dunkel. Die fiebersenkende Tablette ging nicht durch die Kehle, Mama musste sie zerkrümeln. Ach Gott, wie bitter! Dann tauchte jemand im Weltraumanzug auf, machte einen Test und erklärte: „Da haben wir’s.“ Aber zu dem Zeitpunkt ging es ihm schon besser. Er wurde als Genesener in die Statistik aufgenommen. Als abgeschlossener Fall.

          Jetzt saß er in der Küche, aß Quarkpfannkuchen mit Erdbeermarmelade oder rauchte eine Zigarre (manchmal rauchte er doch) und las Facebook. Manchmal postete er auch eigene kurze Kommentare. „Es scheint, meine Damen“, schreibt er einer dummen Beaumond-Gans, die sich über verschwundene Lebensmittel beklagt hat, „dass es nicht genug Kokosmilch für alle gibt“. „Es ist lustig, wirklich lustig. Ich sag dir, die sind am Ende“, erklärte er seiner Mama, die sich wenig für Politik interessiert. „Der Staat hat verschissen. Ihr Lieben müsst aus eurem Venezuela abhauen, überhaupt von überall abhauen und Camdessus um Geld bitten. Schauen wir mal, was für Lieder ihr singt, wenn der Präsident von irgendeinem Nordmazedonien euch von oben herab kommt.“ Er wischte sich den Mund mit der Serviette. Macht nichts, je bitterer die Medizin, umso besser wirkt sie. Immer stärker tobe, Sturmwind. Hahaha! Schließt die Fenster, sperrt die Türen / Heute geht die Not spazieren. Er war außerdem ziemlich belesen.

          Und Mama? Was soll schon mit ihr sein? Sie ist immerhin schon achtzig, sie hat noch ganz andere Dinge überlebt. Und außerdem: Ja, ein gewisser Teil der Alten stirbt, aber der größere wird wieder gesund. Schauen wir also ohne Furcht nach vorn.

          Krankheit als verdiente Strafe?

          Einmal erwachte er, schaute ins Facebook und sah, dass ein bekannter Deputierter und Übeltäter, der für alle schlechten Gesetze und gegen alle guten gestimmt hatte, erkrankt war. Der Deputierte befand sich im künstlichen Koma. Was soll man sagen, verdient hat er es. Noch im Bett schrieb der Mann: „Einem Hund den Hundetod.“ Aber dann dachte er, dass er den Eintrag besser löschen sollte. Außerdem dachte er, so sind die schweren Fälle, für alle sichtbar, über die leichten aber wird kaum geredet, deshalb müsste er den verängstigen Bürgern erzählen, wie er selbst vor dem Corona-Virus Angst hatte, wie er krank wurde und wie das gar nicht schlimm war – leichter als eine Grippe.

          Und noch ein Mann, der dies alles gelesen hatte, berührte lange seine Nase, Mund und Augen mit den Händen, mit denen er zuvor seine Tastatur berührt hatte. Und nach einigen Tagen bekam er hohes Fieber, Halsschmerzen und begann kurz zu atmen. Und dann atmete er gar nicht mehr. Dieser zweite Mann kommt in keine Statistik, weil er starb, bevor die Fachleute kamen. Und ihr, liebe Leser, werdet auch sterben, wenn ihr diese Geschichte nicht an zehn oder zwölf andere weiterleitet.

          Aus dem Russischen von Kerstin Holm.

          Maxim Ossipow, geboren 1963 in Moskau, ist Arzt und Schriftsteller. Auf Deutsch erschien der Erzählungsband „Nach der Ewigkeit“ (Hollitzer Verlag).

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