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Ehrendoktor Reich-Ranicki : Eine Ehrung für uns alle

  • Aktualisiert am

Ehrendoktor der Humboldt-Uni: Reich-Ranicki während der Zeremonie Bild: dpa

Vor 69 Jahren war Marcel Reich-Ranicki das Studium an der heutigen Humboldt-Uni in Berlin verweigert worden. Nun erfuhr der Literaturkritiker eine ganz besondere Ehrung: Er wurde zum Ehrendoktor der Berliner Universität ernannt.

          Marcel Reich-Ranicki, der langjährige Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist am Freitag mit der Ehrendoktorwürde der Berliner Humboldt-Universität ausgezeichnet worden. Die Ehrung erfolgte 69 Jahre nachdem ihm unter nationalsozialistischer Herrschaft die damalige Friedrich-Wilhelms-Universität wegen seiner jüdischen Herkunft den Studienplatz an der Philosophischen Fakultät verweigert hatte.

          Der seit Januar 2006 amtierende Präsident der Universität, der Theologe Christoph Markschies, sagte, man könne das geschehene Unrecht weder wiedergutmachen noch tilgen, sondern nur zeigen, dass wir „uns der Verantwortung für die schreckliche Zeit bewusst sind und daher auch wissen, worin unsere Verantwortung heute besteht“. Reich-Ranicki habe einst an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität die durch das Blech von Dienstmarken und Koppelschlössern repräsentierte menschenverachtende Rücksichtslosigkeit eines totalitären Systems erleben müssen. Er lebe nun allen „jene ganz andere, aufgeklärte ,goldene Rücksichtslosigkeit' des Kritikers vor, der auch noch über das schlechteste Buch goldene Worte zu formulieren vermag, die belehren und erfreuen“.

          Erster Vorstoß zurückgewiesen

          Einen ersten Vorstoß, Reich-Ranicki für die Ablehnung seiner Immatrikulation um Entschuldigung zu bitten, hatte die damalige Leitung der Universität Ende 1999 zurückgewiesen. Im Januar 2006 hat Reich-Ranicki bereits die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin erhalten. Auch die Universität Tel Aviv ehrte ihn im Februar 2006 und widmete ihm zusätzlich einen Lehrstuhl.

          Eine Urkunde für den Geehrten

          Der 86 Jahre alte Marcel Reich-Ranicki sagte bei der Feierstunde zu seinem neunten Ehrendoktorat, er sei 1946 am Tag seiner Rückkehr nach Berlin an der Universität vorbeigefahren und habe sich damals nicht vorstellen können, das Gebäude je wieder zu betreten. Zu der Feierstunde kamen Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), der auch Kultursenator ist, blieb der Ehrung fern.

          Am Freitag begann die Filmproduzentin Katharina Trebitsch mit der Verfilmung von Reich-Ranickis 1999 erschienener Autobiographie „Mein Leben“. Der Mitherausgeber dieser Zeitung, Frank Schirrmacher, sagte bei einem Empfang zu Ehren Reich-Ranickis im Berliner Verlagsgebäude dieser Zeitung, der Literaturkritiker ehre mit der Annahme der Ehrendoktorwürde „uns alle“. Er sei „die letzte Erscheinungsform jener literarisch-kosmopolitischen Intelligenz, die die Weimarer Republik prägte“.

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