https://www.faz.net/-gqz-p888

Edo Reents : Mein Lieblingsbuch: „Hundstage“

  • Aktualisiert am

Nachdenklich: Walter Kempowski Bild: dpa

Walter Kempowski hat nie besser erzählt. Daß er darauf verzichtet, die Ähnlichkeit zwischen sich und seinem Alexander Sowtschick herunterzuspielen, ist ein Akt von außergewöhnlicher Aufrichtigkeit.

          2 Min.

          Der Roman über einen alternden Schriftsteller, der im Hochsommer an einem Roman über einen Schriftsteller schreibt, der seinerseits im Winter an einem Roman arbeitet, der im Sommer spielt und von einer Frau handelt, die ein Gedicht mit dem Titel "Frost" schreibt - man sollte die "Hundstage" am besten während der Zeit lesen, die diesem Roman den Titel gegeben hat, also jetzt.

          Man kann ihn auch mitten im Winter lesen, der Eindruck bleibt derselbe: Walter Kempowski hat nie besser erzählt und vermutlich auch nie mehr von sich preisgegeben. Daß er darauf verzichtet, die Ähnlichkeit, um nicht zu sagen: Identität zwischen sich und seinem Alexander Sowtschick herunterzuspielen, ist ein Akt von außergewöhnlicher Aufrichtigkeit. Es bleibt in der gleichermaßen subtilen wie abgründigen, leitmotivisch ausgefeilten Innenschau praktisch kein Rest; das Selbstbewußtsein dieser Figur, das im Wortsinne zu verstehen ist, geht rücksichtslos zum Äußersten.

          Harmloser Lüstling voller Ressentiment

          Sowtschick, auf dem illiteraten flachen Land als kuriose Existenz bestaunt wie sein komfortables Haus, in das er sich, halb zu Studienzwecken, halb aus erotischer Reizbarkeit, junge Mädchen holt, während seine Frau Urlaub in Frankreich macht, ist ein sehr verspäteter Bildungsbürger, dessen Einsamkeit sich geistigem Rang und einer cholerischen Neigung verdankt; ein sympathischer, harmloser Lüstling voller Ressentiment, Sadismus, Humor und Humanität, der verzweifelt Anschluß an die Jugend sucht, während er gleichzeitig ängstlich seinen Ruhm verwaltet und ironisch schon an sein Nachleben denkt.

          Man merkt es Kempowski nicht an, daß er es den Leuten zeigen wollte, die in ihm nur den bürgerlichen Chronisten einer vergangenen Zeit sehen, so unangestrengt wird das alles vorgetragen. Dem Medien- und Literaturbetrieb, der ihn lange verkannte, hält der mit allen Wassern Gewaschene schlagfertig den Spiegel vor; jeder Hieb sitzt.

          Es gibt kein Buch, das mir näher ist

          Die Komödie des Ruhmes, wie Schopenhauer das einst über sich formulierte, setzt auch bei Kempowski verspätet ein; aber daß er daraus eine derart geistesgegenwärtige, lässige und zumindest für den, der das Norddeutsche mag, an Komik nicht mehr zu überbietende, unerhörte Begebenheit formt, das macht seine Meisterschaft aus.

          Den Mord an einem minderbemittelten Nachbarskind, dessen Sowtschick verdächtigt wird, hätte dieser genausogut begehen können wie der wirkliche Täter, der nicht das Privileg und die Fähigkeit hat, seine abartigen Phantasien in der Schriftstellerei auszuleben und in einer Balance zu halten, die gerade noch gesellschaftsfähig ist. Nicht bloß in Sowtschicks Prosa, auch bei dessen erstaunlichem Erfinder gibt es "Stellen, die bis an die Grenze dessen gehen, was Mittelstand sich bieten läßt". Goethe war kühn? Das ist richtig. Aber man lese die "Hundstage". Es gibt kein Buch, das mir näher ist.

          Weitere Themen

          Monster im Werden

          Suzanne Collins’ „Panem“-Prequel : Monster im Werden

          In seiner Jugend musste Coriolanus Snow noch nicht den Geruch von Blut überdecken: In ihrem „Panem“-Prequel „Das Lied von Vogel und Schlange“ erzählt Suzanne Collins aus der Frühzeit der Hungerspiele.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.