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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Dichtung und Arbeit

  • -Aktualisiert am

Die Beschäftigung von Babys mit Treppen: für Bernhard Keller die größte Herausforderung, die die Zeit an uns stellen kann. Bild: Picture-Alliance

Zwei E-Books sind erschienen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch dasselbe meinen. Ben Lerner erklärt den Hass auf die Lyrik und Bernhard Keller die Liebe zum Baby.

          Man kann bis zu Adam zurückgehen, und immer ist es dieselbe Geschichte. Gemeint ist Adam Gordon aus „Abschied von Atocha“, dem ironischen Debütroman des jüngsten New Yorker Literaturgenies. Ben Lerner, der in Sachen Feuilletonruhm, Fellowships und Brillengesicht all die Jonathans beerbt hat, hatte bereits diesen sichtlich mit dem Autor verwandten Junglyriker damit beauftragt, die im Alltag allenfalls noch für billige Verführung gebrauchte Kunstgattung des Herzens wieder zu alter Größe zu führen, ja zu verteidigen – doch zugedröhnt in Madrid bemerkt der Protagonist, mit den allermeisten Gedichten selbst nichts anfangen zu können.

          Das dichterische Genie ist der Gesellschaft peinlich

          Im zweiten Roman, der den Titel „22:04“ trägt, heißt der Held sogar Ben und ist wieder ein Poet, diesmal ein dem Erhabenen zuneigender Allumfasser. Aber gerade ihm zerbröckelt das große Ganze in eine über die Zeiten sich ausbreitende Geröllwüste aus Möglichkeiten. Der Roman tänzelt gekonnt über jene vernarbte Grenze zwischen den Kontinentalplatten des Fiktiven und des Realen, die zwar mit Wucht ineinandergerammt sind, aber immer wieder Beben auslösen.

          Nun schickt Lerner eine Programmschrift zum Status der Poesie hinterher, zieht eine weitere Ebene ein in dieses Spiel mit dem Falschen im Wahren. Es ist auch ein autobiographisches Spiel, denn häufig rekurriert der Autor auf eigene Erfahrungen. Lerner gefällt, dass ihm gegenüber jeder Nichtdichter Kenntnisse über Lyrik simuliere, „obwohl die einzigen Gedichte, denen er in den vergangenen Jahrzehnten begegnet ist, auf Hochzeiten und Beerdigungen vorgetragen wurden“. Bereits nach wenigen Seiten wird klar, dass die wahre Poesie eine unmögliche ist, eine, die sich nur im Scheitern, in der Ablehnung oder in der Markierung der Grenze greifen lässt.

          Der Autor geht aus von Marianne Moores Gedicht „Lyrik“, das mit den Zeilen „Ich mag sie auch nicht“ beginnt (man darf an Adam Gordon denken). Schon als Kind habe ihn diese Selbstablehnung fasziniert. Sie munitionierte ihn, um gegen all die Zuschreibungen zu bestehen. Hartnäckig nämlich werde Dichtung mit Ruhm in Verbindung gebracht (anerkennende Blicke bei der Information, dass man publiziert wird), doch nicht als echte Arbeit anerkannt. Das dichterische Genie ist der Gesellschaft ein wenig peinlich.

          Sisyphusarbeit – und viel Pathos

          Und das Genie spielt mit: Noch aus den schlechtesten Gedichten, von denen Lerner eines exemplarisch zerlegt, sei ex negativo ein Vollkommenheitsanspruch herauslesbar. Alle Seiten also stellten unerfüllbar hohe Erwartungen an die Lyrik: Der reinste Ausdruck des Inneren solle sie sein, Zeit und Sprache überwinden, neue Werte begründen, für alle sprechen. Das perfekte Gedicht aber, maximal persönlich und maximal allgemeingültig, könne es nicht geben; selbst Walt Whitman, der gemeinschaftsstiftende Hohepriester des All-Einen, musste daran scheitern.

          Lerner entwickelt diesen Gedanken gleich noch einmal in historischer Perspektive, wobei er unbekümmert antike Gesänge mit modern-subjektiver Lyrik kurzschließt. Dass er Platos Invektive gegen die lügenden Dichter als Ehrenerweis für die Gefährlichkeit der Dichtung liest, kann nicht überraschen. Wichtiger ist, dass er hier den Ursprung einer Haltung erkennt, die über die Renaissance und die Romantik hinweg bis in die Gegenwart die Haltung gegenüber der Poesie präge und an die Ideenlehre erinnert: die Unterscheidung von idealen und konkreten Gedichten.

          Erstere hätten zwar die revolutionäre Kraft, uns mit dem Unendlichen auszusöhnen, würden aber allenfalls im Traum oder im Schweigen verwirklicht. Alle konkrete Poesie (hier ist nicht der Fachterminus gemeint) sei hingegen von der Endlichkeit korrumpiert, ein Armutszeugnis. Hier liege der wahre Grund für den – das ist der Clou: gerechtfertigten – Hass auf die im Konkreten stets scheiternde Lyrik. Die Aufgabe des Dichters sei es geradezu, „mit der Hitze dieses Abscheus das Konkrete wie einen Nebel vom Virtuellen wegzubrennen“. Eine Sisyphusarbeit. Und viel Pathos.

          Neugeborene und schöpferisches Sprechen

          Jenseits des Hasses kann es für Lerner nur eine Annäherung an das wahre Gedicht geben, wie es die postmoderne Lyrikerin Claudia Rankine vorführe. Sie operiere ganz bewusst an den Grenzen des Konkreten, spiele mit Zitaten, betone Differenzen, ziehe das Sinnbildliche dem Realen vor und öffne virtuelle Räume. Das alles ist freilich in amerikanischer Perspektive gesprochen. Der deutschen Lyrikrezeption hat das Experimentelle und die Überkomplexität wohl eher geschadet. Dass Poesie hierzulande heute wieder erfreulich populär ist, hat auch – „Regentonnenvariationen“ – mit einer gewissen Lockerheit im Anspruch und einer neuen Lust am Klang zu tun.

          Noch ein wenig pathetischer, aber auch sehr schön ausgedrückt, gibt Lerner abschließend zu erkennen, was für ihn den Nukleus des Poetischen ausmacht: ein kindlich schöpferisches Sprechen voll naiver Anmut. „Erinnern Sie sich an das Gefühl, dass Sinn provisorisch war und zwei Menschen um eine Äußerung herum eine Welt aufbauen konnten? Ich glaube, das ist Dichtung.“ Literaturtheoretisch mag das bescheiden sein, falsch ist es sicher nicht. Das unterstreicht auch der Münchner Autor Bernhard Keller mit seiner 366 Einträge umfassenden Verbeugung vor dem weisen, vollkommenen, in seinem brabbelnden Schweigen urpoetischen Lehrmeister, der uns alle unsere Kleinheit spüren lässt und zu Dienern macht: dem eigenen Baby.

          Elternbücher von Publizisten gibt es wie Sand am Meer, besonders oft sind es Vaterbücher, aber dieses hier sticht heraus: So schön, ehrlich, klug, ausdauernd und poetisch wurde wohl selten analysiert, was die Geburt eines Kindes mit Menschen macht, die dem Animalischen so entfremdet sind. Mit dem Unglauben beginnt es, der dauernden Angst, das so Unwahrscheinliche könnte sich wieder auflösen („Die unverschämte Nähe des Babys zum Tod“), doch das Baby – stoisch, uneitel, erinnerungsfrei ganz der Gegenwart ergeben („es hat keinen Einwand, es kennt kein Dagegen“) – erzieht seine Eltern zum Glauben an die Welt, zum charmant unklugen Blick auf alles und jeden. „Unser Leben vertieft sich“, schreibt Keller: „Was früher Vertiefung war, erweist sich jetzt als Verbreiterung.“ In all der Anbetung aber macht sich zugleich die Gewissheit breit, dass die Zeit nicht ignoriert werden kann: „Beeilt euch!“, scheint das Baby den Eltern zuzurufen. Wenn es einer Antwort auf „#regrettingmotherhood“ bedurfte, hier ist sie.

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