https://www.faz.net/-gr0-87eb2

E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Die Erschütterbarkeit des Bewusstseins im Ernstfall

  • -Aktualisiert am

Lehrreiches über den Orientierungssinn

In einer Zeit, in der selbst ambitionierte Romane auf Kinotauglichkeit hin abgeklopft werden, ist es erfreulich, dass das Literaturexperiment, so unterhaltsam wie lehrreich, nun auch digital only zahlreiche Blüten treibt. Der Berliner Grafikdesigner und Autor Gregor Weichbrodt unternimmt einen poetischen Störversuch; auch ihm geht es um unseren Orientierungssinn, der sich mehr und mehr an Wikipedia schult. In seinem Original-E-Book „I Don’t Know“, das im Frohmann Verlag erschienen ist, führt er die enzyklopädische Ordnung des digitalen Zeitalters ad absurdum. In einer kurzen Erklärung zu seinem Projekt schreibt er, ein Algorithmus habe Einträge des Online-Lexikons Wikipedia gespeichert, das bei Plagiatoren sehr beliebt sei. Und so sei ein Text generiert worden, dessen Erzähler bestreitet, irgendeinen dieser Einträge zu kennen. „I’m not well-versed in Literature. Sensibility - what is that? What in God’s name is An Afterword? I haven’t the faintest idea.“

Weichbrodt hat zusammen mit dem in den Vereinigten Staaten lebenden Autor Hannes Bajohr das Textkollektiv 0x0a für digitale konzeptuelle Literatur gegründet. Eines ihrer gemeinsamen Projekte, das kürzlich unter dem Titel „Glaube, Liebe, Hoffnung. Nachrichten aus dem christlichen Abendland“ erschienen ist, konfrontiert über 280.000 stumpfsinnige Facebook-Postings von Pegida-Anhängern mit Zitaten aus dem biblischen Hohelied der Liebe: eine Versuchsanordnung, die detailgenau zeigt, wie es um die rechtsextreme Bewusstseinslage im Land bestellt ist.

Versuchsanordnung über kanonisierte Literatur

Bajohrs Sammelleidenschaft hat sich auch an einem anderen Fundus entzündet: Sein digitaler Roman „Durchschnitt“ stützt sich auf alle Romane, die Marcel Reich-Ranicki in seinen Kanon deutschsprachiger Literatur aufgenommen hat. Bajohr erklärt nüchtern seine Arbeitsweise: Er habe den Kanon „als Textkorpus verwendet, dessen durchschnittliche Satzlänge bestimmt (18 Wörter) und alle Sätze anderer Länge aussortiert“. Die Zitate stellt er kapitelweise in der Reihenfolge des Alphabets zusammen: eine Versuchsanordnung, die detailgenau zeigt, wie es um die Bewusstseinslage in dieser kanonisierten Literatur bestellt ist.

Einen anderen Einblick in die Bewusstseinslage anderer bieten die 122 Tweets, die die Twitterin Akkordeonistin unter dem Titel „Sitze im Bus“ nun als E-Book veröffentlicht hat: „Einen nicht unwesentlichen Teil dessen, was ich über soziale Intelligenz weiß, habe ich zwischen zwei sich öffnenden Bustüren gelernt.“ Möglich, dass man die Mikrostorys der digitalen Kommunikationsplattform Twitter allein aufgrund ihrer Zeichenbegrenzung der experimentellen Literatur zuordnen kann. Akkordeonistin beschränkt sich aber nicht nur auf 140 Zeichen, sondern auch auf einen einzigen Schauplatz, den Omnibus, der schon in Raymond Queneaus „Stilübungen“ neunundneunzigmal Ort des Geschehens war. „Ich erkenne mittlerweile etwa neunundneunzig Arten, wie man als potentieller Sitznachbar mithilfe nonverbaler Kommunikation abgewiesen wird.“ Und: „Wir schweigen beharrlich. Jemand könnte ein Gedicht rezitieren, aber wer kennt heutzutage noch Gedichte?“

Vielleicht könnten die Buspassagiere eher gemeinsam ein Lied anstimmen, denn Songtexte haben sich mittlerweile stärker in unseren Köpfen festgesetzt als unvertonte Lyrik, die auch im Internet präsent ist. Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin
Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin : Bild: Heidi Scherm

Die erwähnten Bücher

Akkordeonistin: „Sitze im Bus“. Frohmann Verlag, Berlin 2015. DRM-freies E-Book (ePub, mobi), 2,99 €.

Hannes Bajohr: „Durchschnitt“. Roman. Frohmann Verlag, Berlin 2015. DRM-freies E-Book (PDF, ePub, mobi), 2,99 €.

Francis Nenik: „XO“. Roman. Lose Blätter in Kartonage, mit Banderole. Verlag ed. cetera, Leipzig 2012. Kostenloser PDF-Download unter http://www.ed-cetera.de/ed-ition/fiction/ xo-online/.

Marc Saporta: „Composition No. 1“. Translated from the French by Richard Howard. Introduction by Tom Uglow. With diagrams by Salvador Plascencia, Box with loose papers. Visual Editions, London 2011. iPad App by iTunes, 6,99 $.

Gregor Weichbrodt: „I Don’t Know“. Frohmann Verlag, Berlin 2015. DRM-freies E-Book (PDF, ePub, mobi).

Gregor Weichbrodt/Hannes Bajohr: „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Nachrichten aus dem christlichen Abendland. 0x0a, Berlin 2015. Kostenloser PDF-Download unter http://0x0a.li/wp-content/uploads/2015/01/ Glaube-Liebe-Hoffnung.pdf.

Weitere Themen

Topmeldungen

Steil nach oben: Der Coinbase-Börsengang ist ein Meilenstein für Digitalwährungen.

Kryptoboom : Coinbase ist bald wertvoller als die New Yorker Börse

Die Handelsplattform Coinbase soll an diesem Mittwoch an die Börse gehen, das Unternehmen könnte 170 Milliarden Dollar wert sein. Was das für Bitcoin und Co. heißt und warum Anleger aufhorchen sollten.
Amerikanische Soldaten im August 2015 in der afghanischen Provinz Nangarhar

Amerikas Abzug aus Afghanistan : Erschöpfte Kapitulation?

Joe Biden will in Kürze den Abzug der Soldaten aus Afghanistan verkünden. Der Einsatz dort gilt als gescheitert, die Zukunft ohne amerikanische Truppen ist ungewiss.

Champions-League-Aus in Paris : Das Ende einer Münchner Ära

Der FC Bayern erlebte 2020 sein erfolgreichstes Fußballjahr. Nach dem Aus in der Champions League fühlt es sich an, als würde eine besondere Zeit nun enden. Das liegt aber nicht am wahrscheinlichen Abgang von Hansi Flick.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.