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E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ : Texte von Freunden und Freunden von Freunden

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Nun ist Aufmerksamkeit in unserer medial bestimmten Gegenwart ein Gut, das sich Konzerne viel kosten lassen. Das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das „Fiktion“ seit seinen Anfängen im Frühjahr 2013 erhält, mag sich so mancher kleine Digitalverlag wünschen, der alle Kosten für Produktion, Werbung, Autoren und Übersetzer aus eigener Kasse zahlen muss. „Fiktion“ hingegen verfügt über öffentliche Mittel, wartet mit Workshops für Autoren, Juristen und Verlagsexperten auf, mit einem Kongress zur Literatur im digitalen Zeitalter, mit einer Deklaration, die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Bachmannpreisträger Jan Peter Bremer und andere bekannte Autorinnen und Autoren unterzeichnet haben. Es geht den Machern und Mitstreitern von „Fiktion“ darum, „anspruchsvoller“ Literatur Wege ins Digitale zu bahnen, wie sie das Genre schon längst für sich gefunden hat: präzise lektorierte, von Freunden und von Freunden von Freunden empfohlene Texte, die das Niveau des digitalen Literaturbetriebs anheben sollen. Schriftsteller aus aller Welt, die Künstler sind, und Künstler aus aller Welt, die Schriftsteller sind, machen bei „Fiktion“ mit, Dramatiker, Dichter, Wissenschaftler, Journalisten, Musiker. Viele von ihnen dürften dem deutschen Publikum eher unbekannt sein wie etwa Rajeev Balasubramanyam, der neben Jakob Nolte mit seinem „Roman in zehn Teilen“ unter dem Titel „Starstruck“ das „Fiktion“-Programm eröffnet hat. Beide Romane wurden bei ihrem Erscheinen zwar als recht unterhaltsam aufgefasst, aber nicht als Beispiele jener hehren Literatur, um die es angeblich gehen sollte. Auch mich hat erst das dritte „Fiktion“-E-Book begeistert: Der Roman „Herr F“ des schottischen Avantgardisten Momus ist die umwerfend komische Geschichte eines gescheiterten faustischen Schriftstellers und zugleich eine brillante Satire auf den deutschen Literaturbetrieb, in der ein Verlag namens „Suhrkamp Parallel“ keine unbedeutende Rolle spielt.

Auf unlösbare Weise rätselhaft

Mag sein, dass „Fiktion“ eine gewisse Vorlaufzeit gebraucht hat, um seine Ziele durch Editionsbeispiele zu belegen. Ende Juni wurde neben dem Romandebüt „Elephantenchroniken“ der rumänischen Historikerin Sînziana Păltineanu eine Sammlung von Essays, Studien, Gedichten und Erzählungen im Haus der Kulturen der Welt präsentiert, die der Herausgeber Ingo Niermann mit dem Titel „Konzentration“ überschrieben hat. In seiner Einleitung formuliert er noch einmal eines der zentralen Anliegen von „Fiktion“, nämlich zu ergründen, wie es trotz zahlreicher medialer Konkurrenzangebote künftig möglich sein könnte, sich auf nichttriviale Texte zu konzentrieren. Neunzehn Autorinnen und Autoren wurden von Niermann um Beiträge gebeten, die trotz des gemeinsamen Themas formal und inhaltlich weit auseinander liegen. Problematisch finde ich abermals das editorische Prinzip von „Fiktion“, Autorenangaben zwar auf der projekteigenen Website einzustellen, nicht aber in die E-Books aufzunehmen. Auch frage ich mich, ob es tatsächlich günstig ist, vornehmlich Texte von Freunden und von Freunden von Freunden zu publizieren.

Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin

Denn einiges aus dem Prosa- und Lyrik-Angebot erscheint mir auf unlösbare Weise rätselhaft, manche Beiträge aus dem essayistisch-akademischen Bereich wirken überinformiert und unterstrukturiert, so dass ich die Lust am Text verliere. Meine Konzentration verfängt sich vielmehr in schlichten, zur weiteren Reflexion anregenden Fragen, wie sie die Berliner Autorin Nina Bußmann stellt: „Worauf hat die Aufmerksamkeit sich zu richten? Was gilt als wesentlich, was nicht, und wer hat das entschieden?“ Auch die ironischen Tweets des amerikanischen Anti-Lyrikers Kenneth Goldsmith halten mich bei Laune: „#Ablenkung ist die neue #Konzentration.“ Schließlich folge ich sehr gern den essayistischen Ausführungen Niermanns, der für einen erweiterten, auf Ideen konzentrierten Literaturbegriff wirbt – eine konzeptuelle Position, die sich vielleicht im digitalen Raum eher durchsetzen lässt als im herkömmlichen Buchbetrieb. Wenn Sie darüber mehr erfahren möchten, dann lesen Sie hier demnächst weiter.

E-Lektüren

Ingo Niermann (Hrsg.): „Konzentration“. Mit Beiträgen von Dirk Baecker, Nina Bußmann, Charis Conn, Kenneth Goldsmith, Boris Groys, Ingeborg Harms, Arthur Jacobs, Sophie Jung, Quinn Latimer, Ingo Niermann, Amy Patton, Raoul Schrott, Emily Segal, Jenna Sutela, Alexander Tarakhovsky, Johannes Thumfart, Ronnie Vuine, Elvia Wilk, Jacob Wren. Aus dem Englischen von Andreas L. Hofbauer, Sophie Jung und Yolanda Vögtle. Fiktion, Berlin, Juni 2015.

Ingo Niermann (Ed.): „Concentration“. English translation by Nathaniel McBride and Amy Patton. Fiktion, June 2015.

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