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E-Book-Lesegerät : Ein Buch ohne Haut und Haar

  • -Aktualisiert am

Die eigene Bibliothek immer dabei: Sony PRS-505 Bild: Sony

Heute kommt in Deutschland mit dem Sony-Reader das erste E-Book-Lesegerät für das Massenpublikum auf den Markt. Die Branche nutzt dies zum Einstieg in die digitale Zukunft. Aus der Bruchlandung der Musikindustrie hat sie aber nichts gelernt.

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          Das also ist er jetzt, der große Moment? Die seit Jahren angekündigte und befürchtete Markteinführung eines massentauglichen E-Book-Lesegeräts und mithin des elektronischen Buches jenseits von Testvarianten wird in Deutschland am heutigen Mittwoch Wirklichkeit: ein Coup der Firma Sony, die auf den letzten Metern Amazon überholt hat, dessen ganz ähnliches „Kindle“-Gerät aufgrund eines technischen Eigentors - es benötigt eine eigene Internetverbindung - in Europa noch nicht erhältlich ist.

          Sony kopiert dagegen das Prinzip der MP3-Player: herunterladen auf den heimischen Computer, dann einspeisen in den Reader. Von heute an bietet der Mediengroßhändler Libri mehrere tausend E-Book-Titel von weit mehr als hundert Verlagen an, darunter zahlreiche belletristische Bestseller. Bislang wurden hier eher abseitige Mobipocket-E-Books wie „In Bed With Her Italian Boss“ (3,29 [Euro]) einem ebenso abseitigen Markt offeriert. Per Dalheimer, Geschäftsführer der zuständigen Tochterfirma libri.de, wittert daher nun den Durchbruch, die „Early Majority“: „Der Sony-Reader schafft Gelegenheit zum Lesen.“ Er meint damit, dass man nun auch in der Straßenbahn lesen könne. Klarer ist seine Ansage hinsichtlich der Preisgestaltung. Er empfiehlt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Preis, der zwanzig Prozent unter dem für das billigste Printprodukt liegt.

          Diesmal wird alles anders

          Lutz Dursthoff, der Cheflektor von Kiepenheuer & Witsch, sieht das freilich ganz anders: „Wir glauben an die Preisbindung auch beim E-Book.“ Ähnlich reagieren die meisten Verlage auf Anfrage. Das digitale Buch soll so viel kosten wie die billigste gedruckte Fassung. Lediglich Random House räumt einen Rabatt von zehn Prozent ein, wenn ein Titel nur im Hardcover erschienen ist. Unter den Taschenbuchpreis soll aber auch hier der E-Book-Preis nicht sinken. Technisch setzt man bei Libri auf ein offenes Format (Epub), das - anders als beim Kindle - auch von anderen Lesegeräten entschlüsselt werden kann. Für diesen Sommer plant ein Berliner Unternehmen die Markteinführung eines weiteren Lesegerätes, „Textr“ genannt. Es führt kein Weg mehr zurück.

          Die Verlage sind denn auch zum größten Teil umgeschwenkt auf Zweckeuphorie. Spätestens auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse wurde die gefürchtete Buch-Konkurrenz blauäugig in einen neuen Vertriebsweg umgelobhudelt. Es frappiert, dass man offenbar gar nichts aus der Bruchlandung der Musikindustrie gelernt hat und exakt dieselben Fehler wiederholt: unrealistische Preisvorstellungen, Formatewirrwarr und Gängelung des Kunden durch rigides „Digital Rights Management“ (DRM). Dabei sind als Datenbündel alle Medien gleich. Mit welchem Verlag man aber auch spricht, überall herrscht die nicht näher zu begründende Hoffnung vor, diesmal sei alles anders, setze sich der legale Downloadmarkt durch. Man dürfe den eigenen Autoren einfach keinen Vertriebsweg verschließen, sagt Peter Kraus vom Cleff, kaufmännischer Geschäftsführer des Rowohlt Verlags. Aber was, wenn so wieder der Missionar der Kannibalisierung Vorschub leistet?

          Einsteigermodell teuer abverkauft

          Das E-Book ist also da - und doch wird man noch einmal durchatmen können. Dem von heute an exklusiv über den Buchgroßhändler Libri vertriebenen Sony-Gerät mit der Bezeichnung PRS-505 ist wohl kaum eine große Zukunft beschieden. Zu hoch ist der Preis von 299 Euro (mit Zubehör gern noch einmal hundert Euro mehr), und zu zahlreich sind die Defizite. Dabei hat die - bislang nur schwarzweiß darstellende - E-Ink-Technologie durchaus zwei entscheidende Vorteile gegenüber allen anderen Displays: Flimmerfreiheit, die ermüdungsfreies Lesen ermöglicht, sowie extrem lange Akkulaufzeit, weil das Gerät nur beim Seitenwechsel Strom verbraucht. In vielen Verlagen wird das Gerät seit einiger Zeit erfolgreich eingesetzt, um Lektoren und Vertreter von meterhohen Papierstapeln zu entlasten.

          Abgesehen vom dann doch recht kümmerlichen Leseerlebnis an sich, werden die technischen Nachteile bei der ersten Benutzung deutlich: Das gar nicht so leichte Gerät reagiert sehr langsam, für Grafikdarstellungen braucht es gar mehrere Sekunden, ein schnelles Durchblättern eines Buches ist völlig unmöglich. Zudem fehlen Such-, Scroll-, Markier- und Kommentierfunktionen. Absolut lachhaft ist die - gegen Aufpreis erweiterbare - Speicherkapazität von 192 Megabyte, zumal der Reader auch noch ein MP3-Player und Fotoalbum sein möchte. Ein einfacher USB-Stick beinhaltet heute das Achtzigfache. Diese Mängel werden von dem in Amerika inzwischen vertriebenen Touchscreen-Nachfolgemodell PRS-700 freilich teilweise ausgeräumt. Es wirkt mithin, als würde hier ein eigentlich schon veraltetes Einsteigermodell teuer abverkauft. In Amerika kostet der PRS-505 übrigens rund ein Drittel weniger.

          Doppelkäufe ausgeschlossen

          Die Branchenriesen gehen voran beim Einstieg in den digitalen Buchmarkt. Frank Sambeth, als „New Media“-Spezialist der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Random House assoziiert, prognostiziert ein starkes Wachstum in diesem Bereich, der in fünf Jahren einen Anteil von fünf bis zehn Prozent am Buchmarkt haben werde. Mit mehr als tausend Titeln geht Random House an den Start. Der Formatekrieg zwischen Kindle und Sony aber sei in jedem Fall ungünstig, gibt Sambeth zu, zumal Amazon nun noch eine strategische Partnerschaft mit Apple eingegangen ist, um E-Books über das i-Phone zu verbreiten - alles nicht konvertierbar.

          Die Unsicherheit ist vor allem bei den mittelgroßen Verlagen zu spüren. Abwartend gibt sich Dumont, mehr als bedeckt Suhrkamp: „Das passt jetzt schlecht“, lautet die brüske Antwort, der zuständige Herr sei „im Einsatz“ und sonst absolut niemand zu sprechen. Rowohlt-Titel findet man bei Libri noch nicht, da die Vertragsverhandlungen noch nicht abgeschlossen seien. Mit Rücksicht auf die doch hohen Kosten der Konvertierung und der einzurichtenden Systeme möchte der Verlag, so Kraus vom Cleff, danach „behutsam beginnen“. Immerhin glaubt niemand mehr an das Long-Tail-Märchen.

          Auch Titel der S.-Fischer-Verlage gehören noch nicht zum Libri-Angebot, weil man, so der kaufmännische Geschäftsführer Michael Justus, lieber auf einen Schlag mit einem kompletten Programm starten möchte. Allerdings hat Justus im Gegensatz zu Dalheimer große Zweifel an der Zukunftsfähigkeit separater Lesegeräte. Es erstaunt dann doch, dass die Erwartungen in der Branche keineswegs einheitlich sind. Auch Doppelkäufe hält man bei Rowohlt für ausgeschlossen, bei Kiepenheuer und Libri für sehr wahrscheinlich: Trotzdem seien entsprechende Bündelungen nicht vorgesehen.

          Schwieriges Rechtemanagement

          In einem Punkt nur sind sich alle Verlage einig: der Anwendung von DRM. Der ehrliche Käufer wird gegenüber dem Tauschbörsennutzer bestraft durch eine künstlich mit einem Mangel behaftete Version, zum Beispiel mit begrenzter Kopienzahl. Alle großen Firmen in der Musikindustrie haben das verkaufstötende DRM inzwischen wieder abgeschafft. Libri.de empfiehlt das nicht restriktive Verfahren des „Watermarking“. Selbst Sony sah sich schon genötigt, auf die katastrophalen Erfahrungen mit DRM hinzuweisen, bislang erfolglos.

          Soeben ist eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands Bitkom erschienen, mit einer auf den ersten Blick ermutigenden Zahl: „2,2 Millionen Deutsche haben die Absicht, sich in diesem Jahr ein digitales Buch zu kaufen.“ Der Bitkom-Vizepräsident Achim Berg schiebt jedoch gleich hinterher: „Die Zeiten, in denen man sich vor dem Urlaub für den Reiseführer entscheiden musste, gehören der Vergangenheit an. Jetzt können ganze Bibliotheken eingepackt werden.“ Das wiederum klingt beunruhigend, selbst wenn tatsächlich jemand eine ganze Bibliothek kaufen sollte.

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