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E-Book „Go Ebola go“ : Die Helden, deren Namen niemand kennt

Durch den Dschungel mit Gesängen wie „Go Ebola go“: In seinem gleichnamigen E-Book beschreibt Rainer Merkel den ungebrochenen Mut der Helfer, die in Liberias Dörfern Aufklärungsarbeit leisten. Bild: Rainer Merkel

Der Schriftsteller Rainer Merkel ist zu den Ebola-Kranken nach Liberia gereist, in das Land, das alle anderen verlassen wollen. In einem E-Book schildert er den Mut der Helfer und die eigene Angst.

          4 Min.

          Verrückt? Nein. Angst? Das schon. So ging es Rainer Merkel durch den Kopf, als er für zwanzig Euro auf den Button „Reiserücktrittsversicherung“ geklickt hat. Sein Herz, schreibt er, habe „bis zum Hals“ geschlagen. Gegen Angst aber hilft weder Desinfektionsmittel noch ein Schutzanzug und auch nicht das Diktiergerät, mit dem man seinem Gegenüber näher kommt und es doch zugleich auf Abstand hält.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Es ist jetzt anderthalb Monate her, dass Rainer Merkel am Flughafen von Monrovia stand, um in das Land einzureisen, aus dem momentan alle rauswollen: Liberia. Selbst da musste er seine Körpertemperatur messen lassen. Das Infrarotthermometer zeigte 36,6 Grad Celsius an.

          Die harten Regeln

          Das reicht, kein Fieber. Er darf einreisen. In das Ebola-Land, das mit zehntausend Opfern wie kein zweites von der Seuche heimgesucht wurde. Aber schon auf der Fahrt in die Stadt begeht der Deutsche den ersten Fehler, als er das Telefon, das ihm der Fahrer reicht, in die Hand nimmt. Und als er den Hörer ans Ohr hält, ist das dann der zweite. Hatte er denn nichts begriffen? Hatte er alles vergessen, was er in Berlin wochenlang geübt hatte? „Niemand fasst mich an“, hatte er sich eingetrichtert, „ich habe keinen Körperkontakt, außer zu mir selbst, wobei ich auch den mit größtem Eifer vermeide.“

          Doch für Trockenübungen ist nun keine Zeit mehr. Jetzt wird es ernst. Und so darf er seine liberianische Freundin Pandora Hodge, die er nach fünf Jahren zum ersten Mal wieder sieht, nicht umarmen, als er aus dem Auto steigt. „Ebola kills“, sagt Pandoras neunjährige Nichte. Zwei Wörter, in denen sich die Realität des Landes bündelt.

          Besser ohne literarische Vorlagen

          Rainer Merkel, Schriftsteller und Diplom-Psychologe, hat 2008 und 2009 ein Jahr lang in Liberia gelebt und dort die einzige psychiatrische Klinik des Landes geleitet. Die meisten seiner Freunde und Kollegen von damals haben Liberia verlassen. Nur Pandora ist noch da. Sie ist die Projektkoordinatorin von Kriterion, einer holländischen Nichtregierungsorganisation, die Aufklärungsarbeit über die Infektionswege in den Dörfern des Landes leistet, und die Schwester des blinden Bo, dem Merkel im vorigen Jahr seinen Roman „Bo“ gewidmet hat.

          Auch sein jetzt erschienenes Buch erzählt von Liberia. Aber „Go Ebola go“ ist kein Roman, sondern ein ergreifender Bericht über die Reise in ein Land im Ausnahmezustand. „Warum fährt man nach Liberia, in Zeiten von Ebola? Ich könnte mich das fragen, aber meine Nervosität ist zu groß“, schreibt er. Bei einem Klassiker der Reiseliteratur, Graham Greenes „Journey Without Maps“ jedenfalls, dem Buch, in dem er unentwegt blättert, als suche er darin Halt, findet er keine Antwort.

          Mit diesem „europäischen Tag-Albtraum“ kann er eigentlich nichts anfangen, das Bild vom Herzen der Finsternis, das Afrika seit Joseph Conrad anhaftet, ist ihm suspekt. Merkel ist nach Liberia gekommen, um zu verstehen, was dort passiert. Er meinte „etwas tun zu müssen“, sagt er seinem Lektor Oliver Vogel: „Jemand musste hinfahren und etwas über das Land schreiben, und zwar einen Text, in dem keine Schutzanzüge vorkommen, in dem nicht immer nur vom Tod die Rede ist.“

          Ebola : Der Kampf geht weiter

          Schlachtgesänge gegen die Angst

          Vom Tod ist nun trotzdem ziemlich oft die Rede. Gleich am ersten Tag. Der Deutsche sitzt mit den Monrovia-Helfern in einem klapprigen Bus, der sich durch den tropischen Regenwald ins Landesinnere kämpft. Die Schlaglöcher sind groß wie U-Bahn-Eingänge, die Menschen leben in Armut. Anfangs glaubt Merkel, dass sie in den Dörfern nur rasch Geschenke verteilen, etwas erzählen und wieder verschwinden. Das erweist sich als Irrtum. Merkel wird Tote sehen, die niemand wegbringt, und Angehörige, die ihre Toten nicht allein zurücklassen wollen. Er wird Kranke besuchen, die die Arme nach ihm ausstrecken. Und er wird die Frau nicht vergessen, die in Tränen ausbricht, als man ihr erzählt, dass ihre älteste Tochter gestorben sei. Dabei wollte man sie schonen und hat ihr den Tod ihrer anderen fünf Kinder verschwiegen. Ebola kills.

          „Ich schaue ins Dunkle. Das ist nicht das Herz der Finsternis, das ist die Wirklichkeit“, schreibt Merkel und wendet sich beschämt ab, dass er da einfach hinschaut und sogar fotografiert. In Jenewonde, einem Dorf, das sie nach vier Stunden Fahrt erreichen, beginnt Ebola sich gerade erst auszubreiten. Von den dreihundert Einwohnern sind dreißig tot. „Aufklärung und Helfen, das sind Dinge, die nicht so einfach sind“, schreibt Merkel. Pandora ist darin ziemlich gut. Im Dorfzelt führt sie einen regelrechten Tanz um Leben und Tod auf. Sie raunt, flüstert und ruft, mahnt, droht und wirft sich auf den Boden, um den Menschen begreiflich zu machen, dass und wie sie sich vor der Krankheit schützen können.

          Die Plastikmenschen aus der Stadt

          Als das Kriterion-Team auf der Busfahrt anfängt zu singen, traut der Schriftsteller aus Deutschland seinen Ohren nicht. Er hatte das Nicht-ins-Gesicht-Fassen geübt und die Ellenbogen-Umarmung und auch, wie diese verdammte Angst auszuhalten sei. Und dann fahren sie in einem Höllengefährt durch den Dschungel und schmettern Schlachtgesänge wie „Go Ebola go“, „Kriterion coming, Ebola going“ oder „Together we can stop Ebola“.

          Der S. Fischer Verlag tat gut daran, Merkels mitreißenden Rapport nicht in die aufwendige Buchproduktion zu geben, was Monate in Anspruch genommen hätte, sondern die 120 Seiten nur wenige Wochen nach Merkels Rückkehr digital zu publizieren. So wird ein Format, das oft genug der Unterhaltung vorbehalten ist, zum idealen Forum für einen literarischen und zugleich aktuellen Text. Was man dort liest, ist erschütternd.

          Merkel lässt die Leute von Jenewonde, die meinen, erst die Plastikmenschen aus der Stadt hätten das Gift in ihr Leben gebracht, ebenso zu Wort kommen wie jene Frau, die fragt, ob es stimme, dass Deutschland ihr Dorf bombardieren werde, falls Ebola nicht zu stoppen sei. Merkel sammelt Zahlen und Fakten, rekonstruiert, wie „Patient Null“ Patrick Sawyer das Virus nach Nigeria brachte. Und immer wieder fallen Sätze, die man nicht vergisst: „Ich bin mit meiner Angst gekommen wie mit einem Gastgeschenk.“ Als er wieder in Berlin ist, überträgt sich diese Angst auf seine Umwelt: Ein Radiosender, der ein Gespräch mit Merkel verabredet hat, lädt ihn erst einmal wieder aus.

          Als Merkel, noch in Monrovia, die Sicherheitsstation Elwa 3 besucht, in der Menschen darauf warten zu sterben, beobachtet er eine Ärztin in der Schleuse. Die Medizinerin ist vor Erschöpfung sichtlich angegriffen, strahlt zugleich aber eine unerschütterliche Bereitschaft aus, alle Grenzen zu überschreiten, um Leben zu retten. Für Merkel wird sie zur Mariengestalt, die mit ausgebreiteten Armen im Sprühnebel der Chlorlösung steht, während ein Mann monoton die Handlungsanweisungen wiederholt. Dies ist der gefährlichste Moment der ganzen Ebola-Behandlung, weiß Merkel, weil hier die meisten Fehler passieren. Die Ärztin wartet fast ergeben auf die Chlorlösung, die ihren Schutzanzug desinfizieren wird.

          Sie und all die anderen Helfer, Ärzte, Epidemiologen, Krankenschwestern und Tropenmediziner sind Helden unserer Zeit, nicht nur für Rainer Merkel, der diesen außergewöhnlichen Menschen mit seinem Buch ein Denkmal setzt. Das „Time Magazine“, das seine letzte Ausgabe im Dezember traditionell den Persönlichkeiten des Jahres widmet, schaut diesmal nicht nach Politikern, Computermilliardären, Schauspielern oder anderen Prominenten, sondern nennt die „ebola fighters“, deren Namen niemand kennt, und die im Kampf gegen die Seuche über sich hinauswachsen. Sie sind die Helden - über Weihnachten hinaus und auch über das Jahr.

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