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E-Book „Go Ebola go“ : Die Helden, deren Namen niemand kennt

„Ich schaue ins Dunkle. Das ist nicht das Herz der Finsternis, das ist die Wirklichkeit“, schreibt Merkel und wendet sich beschämt ab, dass er da einfach hinschaut und sogar fotografiert. In Jenewonde, einem Dorf, das sie nach vier Stunden Fahrt erreichen, beginnt Ebola sich gerade erst auszubreiten. Von den dreihundert Einwohnern sind dreißig tot. „Aufklärung und Helfen, das sind Dinge, die nicht so einfach sind“, schreibt Merkel. Pandora ist darin ziemlich gut. Im Dorfzelt führt sie einen regelrechten Tanz um Leben und Tod auf. Sie raunt, flüstert und ruft, mahnt, droht und wirft sich auf den Boden, um den Menschen begreiflich zu machen, dass und wie sie sich vor der Krankheit schützen können.

Die Plastikmenschen aus der Stadt

Als das Kriterion-Team auf der Busfahrt anfängt zu singen, traut der Schriftsteller aus Deutschland seinen Ohren nicht. Er hatte das Nicht-ins-Gesicht-Fassen geübt und die Ellenbogen-Umarmung und auch, wie diese verdammte Angst auszuhalten sei. Und dann fahren sie in einem Höllengefährt durch den Dschungel und schmettern Schlachtgesänge wie „Go Ebola go“, „Kriterion coming, Ebola going“ oder „Together we can stop Ebola“.

Der S. Fischer Verlag tat gut daran, Merkels mitreißenden Rapport nicht in die aufwendige Buchproduktion zu geben, was Monate in Anspruch genommen hätte, sondern die 120 Seiten nur wenige Wochen nach Merkels Rückkehr digital zu publizieren. So wird ein Format, das oft genug der Unterhaltung vorbehalten ist, zum idealen Forum für einen literarischen und zugleich aktuellen Text. Was man dort liest, ist erschütternd.

Merkel lässt die Leute von Jenewonde, die meinen, erst die Plastikmenschen aus der Stadt hätten das Gift in ihr Leben gebracht, ebenso zu Wort kommen wie jene Frau, die fragt, ob es stimme, dass Deutschland ihr Dorf bombardieren werde, falls Ebola nicht zu stoppen sei. Merkel sammelt Zahlen und Fakten, rekonstruiert, wie „Patient Null“ Patrick Sawyer das Virus nach Nigeria brachte. Und immer wieder fallen Sätze, die man nicht vergisst: „Ich bin mit meiner Angst gekommen wie mit einem Gastgeschenk.“ Als er wieder in Berlin ist, überträgt sich diese Angst auf seine Umwelt: Ein Radiosender, der ein Gespräch mit Merkel verabredet hat, lädt ihn erst einmal wieder aus.

Als Merkel, noch in Monrovia, die Sicherheitsstation Elwa 3 besucht, in der Menschen darauf warten zu sterben, beobachtet er eine Ärztin in der Schleuse. Die Medizinerin ist vor Erschöpfung sichtlich angegriffen, strahlt zugleich aber eine unerschütterliche Bereitschaft aus, alle Grenzen zu überschreiten, um Leben zu retten. Für Merkel wird sie zur Mariengestalt, die mit ausgebreiteten Armen im Sprühnebel der Chlorlösung steht, während ein Mann monoton die Handlungsanweisungen wiederholt. Dies ist der gefährlichste Moment der ganzen Ebola-Behandlung, weiß Merkel, weil hier die meisten Fehler passieren. Die Ärztin wartet fast ergeben auf die Chlorlösung, die ihren Schutzanzug desinfizieren wird.

Sie und all die anderen Helfer, Ärzte, Epidemiologen, Krankenschwestern und Tropenmediziner sind Helden unserer Zeit, nicht nur für Rainer Merkel, der diesen außergewöhnlichen Menschen mit seinem Buch ein Denkmal setzt. Das „Time Magazine“, das seine letzte Ausgabe im Dezember traditionell den Persönlichkeiten des Jahres widmet, schaut diesmal nicht nach Politikern, Computermilliardären, Schauspielern oder anderen Prominenten, sondern nennt die „ebola fighters“, deren Namen niemand kennt, und die im Kampf gegen die Seuche über sich hinauswachsen. Sie sind die Helden - über Weihnachten hinaus und auch über das Jahr.

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