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E-Book-Gefahren : Guten Abend, gute Nacht, mit Büchern bedacht

Vorsicht: Das LED-Licht des Readers stört den Schlaf Bild: dpa

Warum die Erhellung der Lesekultur durch das E-Book fatale Folgen haben könnte: Die leuchtenden Displays bringen den Biorhythmus völlig durcheinander und rauben uns buchstäblich den Schlaf.

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          Licht ist für uns kein Gift. Wie sollte es auch? Licht bedeutet Leben. Ohne Licht wären wir in der Dunkelheit gefangen, die Seele würde verkümmern. Aber Licht, das ist die noch kaum realisierte Erkenntnis, kann uns seinerseits seelisch zum Krüppel machen, wir müssen nur das falsche Licht in einer ungünstigen Dosis verwenden. Es ist kein Zufall, dass Licht immer stärker in den Fokus derjenigen gerät, die früher gegen die Chemiekeule kämpften. Lichtverschmutzung ist zum Alltag geworden, und wir nehmen es kaum wahr.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wir verwandeln Strom in Licht und das Licht erzeugt im Kopf neuen Strom, der unseren Geist lähmt, das Bewusstsein beeinträchtigt - und wer weiß, am Ende auch unsere Natur? Die Schwachstelle ist der Schlaf. Hinweise dafür gibt es seit Jahren, der Jetlag ist nur eines von vielen Alltagsbeispielen. Schlechter Schlaf macht Lernen zum Drama. Und Licht ist Teil des Problems. Es unterdrückt, grob gesprochen, die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Das war in etwa alles, was man bisher darüber wusste, wieso Licht unseren Stoffwechsel beeinflusst und unser Verhalten.

          Inzwischen sind die Mediziner allerdings alarmiert. Seit einem halben Jahrhundert sinkt die Schlafdauer sukzessive. Die Zahl derer, die weniger als sieben Stunden schlafen, ist innerhalb eines Jahres um mehr ein Drittel gestiegen. Zwei Drittel der Bevölkerung kennt Schlafunruhe, Schlafmangel, Schlafdefizite - Tendenz ebenfalls stark steigend. Schlaftabletten sind mit die billigsten Pillen, die Zahl der Tablettensüchtigen nimmt zu. Mitten in diese zivilisatorische Schlafkrise, die jahrzehntelang vor allem von sozialen Stressmomenten forciert wurde, drängt sich nun ein Faktor, der in diesem Jahr mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet und rund um den Globus mit der eifernden Vokabel „Revolution“ bedacht wurde.

          Das Problem ist die Zusammensetzung des Lichts

          Auf die Erfindung der blauen Leuchtdioden hatte die Industrie in der Tat ein halbes Jahrhundert gewartet. Erst damit war weißes LED-Licht machbar. Jetzt fällt auch darauf ein dunkler Schatten, die neuen Untersuchungen zur Wirkung des Lichts auf den Körper heizen die Spekulationen um die Schädlichkeit an. Sie betreffen das Licht, das unsere Monitore und Bildschirme erhellt, jenes Licht also, das uns bis zu den letzten Minuten vor dem Schlaf begleitet. Mehr als neunzig Prozent der Amerikaner setzen sich diesem Licht in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen aus.

          Im Wissenschaftsmagazin „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie ist eine Studie von Schlafforschern des Brigham und Women’s Hospital in Boston und des Deutschen Zentrums für Luft- Und Raumfahrt Köln veröffentlicht worden, die eine Alltagserfahrung zur empirischen Gewissheit werden lässt: Das LED-Licht der Displays raubt uns den Schlaf. Junge gesunde Probanden haben im Zuge der Studie täglich einige Stunden E-Bücher vor dem Schlafen gelesen, anschließend die gleiche Zeit mit einem gedruckten Buch bei schwächerer Beleuchtung zugebracht.

          Fazit: Im E-Buch-Modus verschiebt sich der Schlaf- und Tagesrhythmus massiv. Die Leser nicken schlechter ein, haben weniger erholsamen REM-Schlaf, die Melatonin-Level sinken, die Schläfrigkeit am Morgen nimmt zu, die Aufmerksamkeit ab - ein chronobiologischer Dauerstress entsteht.

          Nicht die Helligkeit ist das Problem, es ist die Zusammensetzung des Lichts. Vor allem das präsentere kurzwellige, blaue Licht wirkt über das Auge wie das Kokain im Kopf. Es stimuliert stark. Der elektronische Lesekonsum schöpft unsere Aufmerksamkeitskapazität am Ende des Tages bis zum letzten Tropfen aus. E-Papier übrigens, Geräte also ohne Lichtemission, die mit der völlig anders konstruierten E-Tinte (e-ink) arbeiten, sind vom Schlafkillerverdacht befreit.

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