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E-Book : Die digitale Dimension lässt die Verleger erbleichen

  • -Aktualisiert am

Das Buch und das Lesen auf dem Weg zu Luxusgegenständen? Bild: ddp

Piraten auf virtueller Kaperfahrt, eine internetsozialisierte Generation, die für Eigentum kein Verständnis hat und Kinder, die CDs als Plastikmüll begreifen: Die Buchbranche ergreift angesichts der Digitalisierung der Schwindel.

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          Es sind aufgeregte Zeiten für Menschen, die mit dem gedruckten Wort ehrliches Geld verdienen möchten. Gouverneur Schwarzenegger will beispielgebend die herkömmlichen Schulbücher abschaffen, Wissenschaftsverlage sehen Open Access als Exzess der Existenzvernichtung, der Heidelberger Appell gegen die Aushebelung des Urheberrechts hört sich wie ein Verzweiflungsschrei an, Millionen Piraten segeln auf virtueller Kaperfahrt und verklären den illegalen Download zum Freiheitskampf. Und währenddessen tobt die „Zensursula“-Debatte mit verschwörungstheoretischem Unterton – wer einen aktuellen Eindruck gewinnen will, sollte sich die wutgeladenen Leserkommentare anschauen, die sich der Politologe Herfried Münkler diese Woche nach einer wohl etwas unbedachten Meinungsäußerung über „Netz-Anarchos“ in der „Frankfurter Rundschau“ eingehandelt hat.

          Um nichts Geringeres als die „digitale Herausforderung“ ging es denn auch auf der Jahrestagung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Berlin. Kräftige Worte in Sachen Urheberrecht leiteten den Kongress ein. Vorsteher Gottfried Honnefelder beklagte, dass einer „neuen Generation“ der Begriff des geistigen Eigentums offenbar fremd sei. „Jeder hat das Recht, mit seinem geistigen Eigentum Geld zu verdienen – sonst tun es die anderen“, sekundierte Kulturstaatsminister Neumann in seiner Rede. Google schlürft mit seinen Scannern riesige Bibliotheksbestände ein und stellt sie online – die Verfügung über das abendländische Schriftgut dürfe aber nicht von einem Unternehmen monopolisiert werden, sie gehöre in öffentliche Hand, versicherte Neumann, um dann einen optimistischen Blick in die Zukunft zu werfen. Werde das Buchbinderhandwerk nicht neuen Aufschwung nehmen angesichts „gesichtsloser Book-on-demand-Ausdrucke“? Wenn das eine erste Antwort auf das Motto des Kongresses sein sollte („Neue Bücher. Neue Wege. Neue Jobs“), dann hatte die Branche allen Grund, schreckensbleich zu werden.

          Spätere Lektüre nicht ausgeschlossen

          „Print-Nutzung ist im Medien-Portfolio der Digital Natives leicht rückläufig“, lautete eine schöne Formulierung. Wie soll man die Eingeborenen des Internets fürs Buch gewinnen? Immerhin sei die gängige Einschätzung, der chronische Internet-Nutzer verliere die Fähigkeit, längere Texte zu lesen, erwiesenermaßen falsch – so Urs Gasser, Direktor des Bergman Center for Internet & Society der Universität Harvard, in seinem Vortrag über „Chancen der Digitalisierung“.

          Auf das zunächst oberflächliche Herumbrowsen beim Info-Hopping folge oft eine Phase der Vertiefung; spätere Buchlektüre nicht ausgeschlossen. Gasser schwärmte von neuen kollaborativen Schreibprozessen der Zukunft, bei denen sich Internet und Print harmonisch ergänzen. Sachbuchautoren könnten eine vorläufige Fassung ihres Werks ins Netz stellen; bereichert von der Schwarmintelligenz der Leserkommentare, könnte dann eine perfektionierte Version in Druck gehen.

          Was man braucht und was man liebt

          Ein charmantes Schreckbild der Digitalisierung bot der Musikmanager Tim Renner – seine kleine Tochter nämlich, die eines Tages mit einem Stapel CDs zu ihm kam und fragte: „Papa, ist das Hausmüll oder Plastikmüll?“ Sie hatte sich ihre Lieblingsmusik auf den iPod geladen; die vormaligen Tonträger empfand sie als überflüssig. Wird es dem gedruckten Werk in der Ära des E-Books ähnlich gehen? Renner hat die Gabe, verwickelte Probleme in eine Übersichtlichkeit zu überführen, die fast schon wie die Lösung aussieht. Print und E-Book würden auch in Zukunft gleichberechtigt nebeneinanderstehen, versicherte er: digitale Angebote für „das, was man braucht“; schöne „physische“ Bücher für „das, was man liebt“.

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