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Doris Lessings „Nobel Lecture“ : Der Hunger nach Büchern

Die Nobelpreisträgerin konnte nicht persönlich nach Stockholm kommen Bild: AFP

Inbrünstiger als in Doris Lessings Nobelpreisrede wurde selten bei einer Nobelpreisverleihung die Macht des geschriebenen Wortes beschworen. Doch ihre Bilder für den Hunger in Afrika werden wohl vor allem die Satten freuen.

          Links und rechts vom Rednerpult in Stockholm stehen zwei Staffeleien mit Porträtfotografien der abwesenden Nobelpreisträgerin; nur die Plastikflasche, aus der sich Nicholas Pearson Wasser einschenkt, bevor er Doris Lessings Dankesrede verliest, stört die feierliche Atmosphäre. Oder hatte der britische Verleger das schlichte Behältnis mit Bedacht ausgewählt? Sollte doch gleich von ärmsten Verhältnissen die Rede sein, von Dörfern ohne Wasserversorgung, ohne elektrisches Licht und ohne Bücher.

          Für ihre „Nobel Lecture“ kehrte Doris Lessing nach Afrika zurück, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, und während in Lissabon Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Afrika-Gipfel Robert Mugabe wegen der Menschenrechtsverletzung in Zimbabwe kritisierte, beschrieb die bald neunzigjährige Doris Lessing eindringlich die verzweifelte Situation all jener, die dort lehren oder lernen wollen. Sie berichtete von Schulen ohne Bücher und von Lehrern, die das Alphabet mit einem Stöckchen in den Sand schreiben müssen, weil es weder Tafel noch Kreide gibt.

          Nur wer satt ist, freut sich an einem solchen Bild

          Nicht die wirtschaftliche Not Afrikas, nicht Kriege, Korruption und Ausbeutung waren Gegenstand ihrer Rede, sondern der Hunger nach Büchern, „ein erstaunliches Phänomen“, das sie von Kenia bis zum Kap der Guten Hoffnung beobachtet haben will. Die Achtung vor Büchern entstamme nicht dem Mugabe-Regime, sondern dem der Weißen, sagte die Autorin, die 1925 als Sechsjährige in die damalige britische Kolonie Südrhodesien gekommen war. Dass der Satz, jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient, auf Zimbabwe nicht zutreffe, war ihr einziger politischer Kommentar.

          Bildlich anwesend, während Nicholas Pearson ihre Rede liest: Doris Lessing

          Die Nobelpreisträgerin wollte nur vom Menschenrecht auf Bildung reden. Inbrünstiger wurde selten bei einer Nobelpreisverleihung die Macht des geschriebenen Wortes beschworen. Aber was beschworen wurde, war jener Teil des Kolonialerbes, der in Europa selbst viel Ansehen verloren hat. Doris Lessing, die aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Stockholm gekommen war, ist dies nicht entgangen: Der Westen sei ein „übersättigter Haufen“, der vergessen habe, dass Bücher zur Allgemeinbildung gehören. Aber wenn sie am Ende das pathetische Bild von afrikanischen Mädchen zeichnete, die nur von Bildung und Büchern sprechen, obwohl sie drei Tage lang nichts gegessen haben, dann musste man befürchten, dass sich an diesem Bild nur erfreuen kann, wer auf die andere Weise tatsächlich zu einem übersättigten Haufen gehört.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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