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Donna Leon zum Siebzigsten : Niemals in italienischer Sprache!

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Donna Leon: Die Aufnahme entstand am 21. September in Hamburg Bild: Daniel Reinhardt/dpa

Von wegen Idylle: Sie hat Venedig zu einer der literarischen Verbrechenshauptstädte gemacht. Zum 70. Geburtstag von Donna Leon.

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          Eine Amerikanerin, die Kriminalromane in und über Italien schreibt und damit vor allem in Deutschland gewaltigen Erfolg hat - Donna Leon ist mit dieser internationalen Mischung ein literarisches Phänomen geworden. Ihrem mild-melancholischen Ritter von der venezianischen Kriminalpolizei, Commissario Brunetti, ist es mit seinen Ermittlungen quer durch alle Milieus der Lagune gelungen, Venedig zu einer der literarischen Verbrechenshauptstädte zu machen. Und das, obgleich die Kleinstadt im trüben Wasser der Wirklichkeit allenfalls Taschendiebstähle und so gut wie keine Kapitalverbrechen zu verzeichnen hat.

          Doch kein anderer schreibender Zeitgenosse versteht es so gut wie Donna Leon, das Wohlgefühl der historischen Idylle Venedigs raffiniert mit den zahlreichen Krankheitssymptomen der italienischen Gesellschaft zu verzahnen: Mafia, Umweltverschmutzung, behördliche Korruption und Schlendrian, vor allem aber schmarotzende und gewissenlose Politiker mit ihren mindestens halbkriminellen Netzwerken. So entsteht bei den Nachforschungen nach den Opfern lagunarer Gewalt stets ein Sittenbild.

          Venedig ist atemberaubend schön, erzählt die Autorin auf jeder Seite den Erinnerungen von Millionen Touristen nach, doch diese Schönheit ist bedroht durch die Gier von Geschäftemachern, die Gedankenlosigkeit vieler Venezianer und den oft lächerlich schwachen Staat Italien, der dieses Welterbe nur halbherzig zu schützen versteht.

          Mit Freundlichkeit für ihre Fans

          Ob es wegen solcher begründeter Gesellschaftskritik ist oder um vor dem ohnehin fühlbaren Rampenlicht wenigstens unter Italienern etwas Ruhe zu haben - Donna Leon, die ihre allergrößten Erfolge auf dem deutschen Markt erzielt, die im deutschen Fernsehen erfolgreich verfilmt wird, die aber auch in anderen Weltsprachen vom Französischen bis zum Tschechischen viel gelesen wird, gibt es kategorisch nicht auf Italienisch. Übersetzungen, die auch ihre resolute Zugehfrau Margherita lesen könnte, aus deren Erzählungen sie sich zuweilen inspiriert, hat die Autorin sich verbeten.

          Bei ihren Spaziergängen durch Venedig, wenn sie einmal nicht am Schreibtisch unweit der Zanipoli-Kirche den immer bereits übernächsten Brunetti-Krimi entwirft, wird die zierliche Signora Leon denn auch vorzugsweise von deutschen Fans angesprochen, fotografiert und um Autogramme gebeten; sie ist eine Muster-Autorin, die ihren Anhängern stets mit Freundlichkeit begegnet.

          Mit einer Leidenschaft für klassische Musik

          Durch Donna Leons legendären Arbeitseifer und ihre Professionalität sind so bereits über zwanzig Venedig-Kriminalromane mit dem immergleichen Personal der moralisch empörten Kommissarsgattin Paola, dem rührenden Carabiniere Vianello, dem aufgeblasenen Vicequestore Patta entstanden. Und die Autorin hat nicht vor, am Erfolgsrezept das Geringste zu ändern. Warum auch? Neben dem Schreiben kennt die in New Jersey aufgewachsene Schriftstellerin, die vor der Ankunft in Venedig vor über dreißig Jahren als Dozentin an amerikanischen Schulen in Nahost eine solide Liebe zu Alteuropa entwickelt hat, noch eine andere Leidenschaft. Die gilt der Barockmusik Georg Friedrich Händels und neuerdings auch Antonio Vivaldis, beiden verhalf Venedig gleichfalls zu Erfolg.

          Aus Leidenschaft zur Schönheit der Töne, die so gut zur Schönheit ihrer Stadt passen, reist die Autorin gern zu eminenten Opernaufführungen, sponsert Plattenaufnahmen und Konzerte mit spezialisierten Ensembles aus Oberitalien und hilft eifrig bei der Organisation von Festivals Alter Musik. Wer sie beseelt unter „ihren“ Musikern erlebt, entdeckt neben der analytischen Gesellschaftskritikerin noch eine andere Donna Leon: eine Schwärmerin für die unsagbare Kraft der Musik, die fast zu harmonisch ist für diese unharmonische Welt der Verbrechen. Am Freitag, den 28. September, wird Donna Leon - natürlich diszipliniert am Schreibtisch, natürlich in Venedig - ihren siebzigsten Geburtstag feiern.

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