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Vorwahlen in Amerika : Warum Trump?

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Eine begeisterte Trump-Anhängerin kann es nicht fassen, ihr Idol zu treffen. Bild: Reuters

Lange dachte man, Donald Trump sei der Pausenkasper des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs. Nun holt er einen Sieg nach dem anderen. Wie ist das zu erklären? Ein Gastbeitrag.

          Stellen Sie sich einen Kinofilm in Technicolor vor, der zur Amtszeit Eisenhowers spielt, in den Anfängen, als Joseph McCarthy für den Mann auf der Straße noch weiter nicht beunruhigend war; als die Auseinandersetzung um die Bürgerrechte für afroamerikanische Bürger noch nicht Fahrt aufgenommen hatte und die Sowjets den Sputnik in den Weltraum schossen. Am 26. Juli 1948 hatte Präsident Truman einen Präsidialerlass zur Aufhebung der Rassentrennung in der US-Armee unterzeichnet, und Präsident Eisenhower setzte die damit begonnene mühsame Arbeit fort – aber noch 1954, in dem Jahr, als der Supreme Court entschieden hatte, dass die Rassentrennung in öffentlichen Schulen ein Verstoß gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten sei, stieß dem kommandierenden General der Division, in der ich diente, der Anblick des einzigen schwarzen Offiziers in der Offiziersmesse unseres Stützpunkts sauer auf.

          Schwarze oder Farbige – damals die höflichere Bezeichnung für Afroamerikaner – waren Dienstmädchen, Schuhputzer, Schlafwagenschaffner oder in chain gangs aneinandergekettete Häftlinge. Oder es waren Stars wie John Louis oder Louis Armstrong; Juden und Katholiken hatten keine Chance, in Country Clubs aufgenommen zu werden; Homosexuelle aller Spielarten blieben im Verborgenen oder standen auf dem Gipfel des Parnass; von Geschlechtsumwandlungen hatte man noch nichts gehört; Scheidungen wurden mit Stirnrunzeln quittiert; eine nette amerikanische Familie – der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht, würden Snobs wie ich sagen –, das waren Vati, Mutti und mehrere blonde sommersprossige Kinder.

          Die Mutti war Hausfrau

          Der Vati bestellte die Äcker der Familie oder hatte einen sicheren Job in der Waschmaschinen- oder Rasenmäher-Fabrik am Ort oder erledigte Papierkram in der Versicherung. Die Mutti war Hausfrau. Sie hatte keine bezahlte Arbeit, es sei denn, der Vati war gestorben oder ruiniert. Schmutz in jeder Form war streng verboten, vulgäre Schimpfwörter gehörten nicht zur Umgangssprache, Frauen nahmen sie sicher nie und Männer nie in Gegenwart von Frauen in den Mund.

          Louis Begley, 1933 in Polen geboren, arbeitete bis 2004 als Anwalt in New York. Als Schriftsteller wurde er mit seinem Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ weltweit bekannt.

          Das ist das Nimmerland, das sich die große Mehrheit der Amerikaner, die in den Vorwahlen für Donald Trump stimmen, anscheinend zurückwünscht – oder das Nimmerland, das sie wieder aufbauen möchten, um die weitreichenden Veränderungen in den Vereinigten Staaten des einundzwanzigsten Jahrhunderts rückgängig zu machen. „Anscheinend“ sage ich, weil auch die besten Meinungsforscher nicht zuverlässig sagen können, was in den Köpfen der Wähler vorgeht, wenn sie in Wahlkabinen oder Mitgliederversammlungen für Trump stimmen. Wir wissen aber, dass diese Wähler, gemessen an der zunehmend jüngeren Bevölkerung der Vereinigten Staaten, überwiegend Ältere sind, Weiße, dass nur wenige Hispanics dazugehören, dass sie eher aus den unteren Einkommensgruppen stammen und meist kein College besucht haben und dass sie Kirchgänger sind.

          Nimmerland soll wiederkommen

          Wahrscheinlich klingt Trumps Schlachtruf „Amerika, wir machen dich wieder groß“ in ihren Ohren wie: „Nimmerland soll wiederkommen“. Noch wahrscheinlicher möchten sie ein Amerika demontieren, in dem sie sich ausgeschlossen und unterbewertet, ratlos und tief verängstigt fühlen.

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