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Digitalisierte Medien : Die Zukunft des Buches

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Google scannt, Autoren klagen, das Internet tobt - nur in einem sind sich alle einig: Die Digitalisierung bedeutet das Ende des Buchdrucks. Aber das ist, zum Glück, Unsinn, meint Peter Richter.

          Mit Büchern reich werden - ich persönlich hätte nichts dagegen. Reichtum, Weltherrschaft, Internet abschalten: Das wäre der Plan. Nur ganz kurz mal. Zum Innehalten. Und zum Gedenken an die Ereignisse dieser Woche. Später, wenn die Militärhistoriker uns fragen, werden wir sagen können, wir seien dabei gewesen - und hätten es trotzdem nicht ganz verstanden. Da, in Mountain View, Kalifornien, (würden wir dann erläutern müssen) hätten die Amerikaner gestanden mit ihren Scannern und schon seit Jahren ganze Bibliotheken digitalisiert, um Bücher ins Internet zu stellen. Und dort, in Heidelberg, Deutschland, hätten auf einmal 1300 Dichter und Denker das Haupt gehoben und „Nein!“ gerufen.

          Ob wir uns da auch nicht in den Jahrhunderten vertäten, würden - müssten - die Historiker fragen: Internet? Deutsche Romantik? Eifriges Nicken wäre dann die Antwort: Genau so sei es gewesen, auf der einen Seite die Firma Google, auf der anderen die Unterzeichner des „Heidelberger Appells“, die nicht einsehen wollten, dass ihre Urheberrechte vor einem amerikanischen Provinzgericht verhökert würden. Um Geld also sei es gegangen, um Freiheit, von der jeder Beteiligte so seine eigenen Begriffe hatte, um die Zukunft des Buches; schließlich aber und vor allem um Wohl und Wehe des Internets - das ich an dieser Stelle dann dringend wieder anschalten müsste. Nicht einmal seine erbittertsten Gegner kämen im Ernst mehr als fünf Minuten ohne es aus. Und ich stehe dem Medium insgesamt sogar eher aufgeschlossen gegenüber. Auch dies muss so ausdrücklich hier vorausgeschickt werden, zur Sicherheit; das Internet, vertreten durch die, die dort anzutreffen sind, mag es nicht, wenn man es nicht mag. Es ist dann schnell beleidigt, denn es ist noch jung und nicht besonders souverän. Aber das verwächst sich sicher noch.

          Die Bibliothek von Google

          Die Bücher waren ja auch nicht von Anfang an stubenrein; die Masse der ersten Druckerzeugnisse waren Schmähschriften. Und sicher hatten die Verfasser handgeschriebener Folianten schwere kulturelle Bedenken, genauso wie vor ihnen die Hersteller von Papyrusrollen. Heute gilt das gedruckte Buch, unabhängig von seinem Inhalt, als das höchste und edelste aller unserer Kulturgüter. Umso erstaunlicher, dass jetzt alle behaupten, es sei aus mit ihm. In dem Konflikt um Digitalisierung und Urheberrechte haben, was verblüffend ist, beide Parteien den gleichen Schlachtruf, der besagt, dass es mit dem gedruckten Buch nun zu Ende gehe - nur, dass das bei den einen wie apokalyptische Klage klingt, bei den anderen wie Triumphgeheul. Für gelassenere Gemüter ist es einfach Unfug. Eher ist das Gegenteil der Fall: Die Digitalisierung dürfte den Ausstoß an bedrucktem Papier noch deutlicher steigern als seinerzeit die Einführung des „papierlosen Büros“.

          Mediennostalgiker wie Technikenthusiasten haben in der Regel einen Computer vor Augen, wenn es heißt, das Buch verschwindet. Dabei wäre eine Bibliothek dafür das viel passendere Bild: Mittelalterliche Klosterbibliotheken, Bergfriede der Bildung, in denen das Wissen aufbewahrt und weggeschlossen ist - und für immer verlorengeht, wenn etwa Feuer den Folianten verschlingt. Wenn ich höre, das Buch sei in Gefahr, habe ich nicht Google vor Augen, sondern den etwas restriktiv gesinnten Mönch aus Ecos „Name der Rose“, jenen Jorge von Burgos, der nach Jorge Luis Borges benannt war - eine Gemeinheit im Übrigen: Denn dessen berühmte „Bibliothek von Babel“ kommt, in ihrem universalen Anspruch und in ihrer Struktur, tatsächlich eher den Bildern nahe, die wir uns heute vom Internet machen (insbesondere auch wegen der hübschen Idee der beim Flug durch die unendlichen Räumlichkeiten allmählich verwesenden Benutzer). Die Vision des einen, totalen Buches, von dem Borges schreibt, dass es alle anderen in sich enthalte: Die klingt geradezu wie eine Vorbestellung auf ein E-Book mit Google-Abo.

          Das Abenteuer tot geglaubter Bücher

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