https://www.faz.net/-gqz-tk8q

Digitale Bohème : Sie nennen es Arbeit

  • -Aktualisiert am

Ist intelligentes Leben jenseits der Festanstellung möglich? Ein neues Buch feiert die „digitale Bohème“, deren Leben aus Cafébesuchen und „Projekten“ besteht. Doch ohne die Leute mit festen Arbeitszeiten wäre ihr Dasein unmöglich. Von Eberhard Rathgeb.

          6 Min.

          Vorab: Zu Weihnachten werden alle Büros schließen. Na schön, denkt man, dann kann man ja völlig beruhigt nach dem Weihnachtsfest in den Winterurlaub fahren. Wollen Sie tatsächlich so weiterleben? Das Problem ist, wenn man nach dem Urlaub zurückkommt und nach alter Sitte und Gewohnheit ins Büro gehen möchte, wird man feststellen: Das Büro hat immer noch geschlossen, und das Büro bleibt geschlossen. Das wird jetzt eng, denkt man. Das wird jetzt ganz, ganz eng werden.

          Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man holt einen Hammer, schlägt die Tür ein und setzt sich an seinen Schreibtisch, einfach weil man nicht mehr anders kann und nicht mehr anders mag. Man ist, man mag es drehen und wenden, wie man will, im Laufe der Jahre eine Art Buchhalter geworden, nicht so einer, wie ihn der große portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa einmal dargestellt hat. (Uns fehlt dessen Unruhe, die entscheidend dafür ist, einen Fernando-Pessoa-Gedanken, ob prosaisch oder poetisch, zu haben.) Da sitzt man nun am Schreibtisch und kommt nicht weiter, aber es beruhigt irgendwie.

          Da saß auch schon die analoge Boheme

          Die andere Möglichkeit vor der verschlossenen Tür ist: Man macht kehrt und geht ins Café. Wenn man in Berlin wohnt, geht man sofort ins Café Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz, Berlin-Mitte. Das ist bekannt dafür, daß hier Leute auftauchen, die nicht ins Büro gehen, weil sie dort nicht hingehen wollen, weil das Büro für sie geschlossen ist. Die sitzen hier rum, trinken einen Kaffee und schauen stundenlang in ihren Laptop hinein. Wenn ihnen die Birne rauscht, gehen sie wieder. Geht man zu denen hin und sagt: Läuft das so jeden Tag ab?, sagen die prompt: Wir nennen das Arbeit.

          Zwei von diesen jungen Leuten, die nicht mehr brauchen als einen Laptop und einen Internetzugang, haben für alle anderen Leute, die in diesem Café und in allen anderen Cafés dieser Welt oder daheim oder sonstwo mit ihrem Laptop und dem Internetzugang sitzen, ein Wort gefunden, ein wahres Zeitschlüsselwort, mit dem von einem Moment auf den anderen alles klar und anders wird: „digitale Bohème“. Jetzt weht ein anderes Lüftchen durch das Café: Paris, neunzehntes Jahrhundert, Berlin, zwanziger Jahre, Alfred Döblin (der auch das Café Sankt Oberholz aufsuchte): das war die analoge Bohème (Leute in Cafés ohne Festanstellung und ohne Internetzugang). Heute in Berlin, Zürich und überall hier und dort: das ist die digitale Bohème (Leute in Cafés ohne Festanstellung, aber mit Internetzugang). Es gibt kein Proletariat mehr, es gibt keine Bourgeoisie, dafür (raus aus dem Mittelstandsbau) gibt es eine kleine neue Bürgerlichkeit und eine kleine neue Bohème.

          Sag , wie hältst du's mit dem Büro?

          Das Buch, das die beiden jungen Leute von der digitalen Bohème geschrieben haben (sehr flott geschrieben haben, wahrscheinlich erledigen sie ihre Projekte ebenso flott, wahrscheinlich gehen sie auch flott durch die Welt), ist ein Manifest, in dem sie erklären, was mit der Welt, die ihre Welt ist, und was mit ihnen selbst los ist. Den beiden geht es offenbar gut, die Sätze sind rund. Sie machen unter allen guten Menschen in der Welt der Arbeit vor allem und zuerst einen Unterschied: Sag, gehst du ins Angestelltenland, oder gehst du nicht ins Angestelltenland? Das ist die stolze Gretchen-Frage, die beiden nennen es, als kämen sie durch die Prärie auf einem Mustang dahergeprescht, die Wie-willst-du-leben-Frage.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Visualisierung des Tunneleingangs auf der dänischen Seite in Rodbyhavn

          Streit um die Ostseequerung : Der Bau im Belt

          Unter der Ostsee soll ein langer Tunnel Deutschland und Dänemark verbinden. Der Widerstand ist heftig – aber nur in Deutschland. Ein Ortsbesuch.
          Paul Rusesabagina vor Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali am 14. September

          „Hotel Ruanda“-Star entführt : In der Höhle des Löwen

          Während des Völkermords in Ruanda rettete er Tutsi das Leben. Nun ließ Präsident Kagame den einstigen Helden Paul Rusesabagina entführen. Seinen Prozess will die Juristin Amal Clooney beobachten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.