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Dieter Bartetzko : Carmilhan: „Die Höhle von Steenfoll“

  • Aktualisiert am

Wilhelm Hauffs Märchen - hier im Nebel-Verlag Bild: Nebel

Ein unbarmherziges Märchen, so bedrückend und fesselnd wie das Leben: Eindringlicher als in Wilhelm Hauffs „Die Höhle von Steenfoll“ kann vor Obsessionen nicht gewarnt werden.

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          „Warum hat er denn nicht?“ Wenn Kinder diese Frage stellen und doch wissen, daß sie vergeblich ist, wird das Lieblingsmärchen geboren.

          Warum hat Wilm Falke sich nicht zufriedengegeben mit dem „gewissen Grad von Wohlhabenheit“, den er als Fischer hätte erreichen können, um mit seinem Freund Kaspar Strumpf bis ans Lebensende „in glücklicher Eintracht“ zu leben? Geld? Nein, es ist Erlebensgier, die Falke taub macht für alles Flehen - „schone deine Seele“ - seines sanften Lebensgefährten, ihn immer hagerer werden läßt, bis er zuletzt nur noch aus fanatischem Willen besteht - und der fixen Idee, sich die Welt und das Glück gefügig zu machen.

          Schreckensstarr wartender Falke

          „Carmilhan“: Noch im Erwachsenen klingt der Schauder nach, den der geheimnisvolle Klang dem Kind bereitete, als Hauffs Erzählung ihn aus den wasserschäumenden Tiefen der Höhle von Steenfoll am Meer tönen ließ. Nicht weniger beklemmend die Aufklärung durch jenes greise Männchen, das nach einem Sturm, „unbeweglich wie ein getrockneter Leichnam“, in einem Boot ohne Steuer und Ruder auf den Strand und den schreckensstarr wartenden Falke zugleitet. Die Erscheinung, Satan und zugleich ein Alter ego Falkes, erzählt von Carmilhan, dem goldbeladenen Holländerschiff, das einst vor Steenfoll „mit Mann und Maus zugrunde ging“.

          Falke weiß, was die Sucht ihm eintragen wird. Trotzdem kann er nicht anders, will noch mehr Schiffsgold als das, was er am Strand fand. Er zwingt den gebrochenen Gefährten, die einzige Kuh der beiden zu töten, beschwört so die Ertrunkenen, fragt sie aus, läßt sich in die Spalten der Höhle hinab, gibt sich nicht zufrieden mit einem Goldkästchen, stürzt sich sofort wieder ins Schwarze, verschwindet für immer. Kaspar bleibt mit „zerrütteten Sinnen“ zurück, bis sein Leben erlischt.

          Eindringlicher als in „Die Höhle von Steenfoll“ kann vor Obsessionen nicht gewarnt werden. Daß Hauff auch vor der größten Obsession, der des Liebens, warnte, lehrt erst die Lebenserfahrung. Da werden Kaspar Strumpf und Wilm Falke als Paar kenntlich, in dem die Binsenweisheit, daß von zweien meist nur einer wirklich liebt und deshalb zum Verlierer bestimmt ist, ihre grausame Wahrheit beweist. Ein unbarmherziges Märchen, so bedrückend und fesselnd wie das Leben.

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