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Hörbuch von Roger Willemsen : Du bist kein Handwerker, tanzt aber gerne?

  • -Aktualisiert am

Bäriger Typ erwünscht: Kontaktanzeigen sind oft durchaus speziell. Bild: Picture-Alliance

Dann melde dich: Im Duett mit Anke Engelke durchmisst Roger Willemsen alle Kreise der Sehnsuchtshölle. „Habe Häuschen. Da würden wir leben“ ist ein kurzweiliger Versuch über die wunderbare Welt der Kontaktanzeigen.

          3 Min.

          Der Romantik eine Schneise. Man mag sie historisch verachten, kann sie mentalitätsgeschichtlich einhegen oder systemtheoretisch wegerklären - und doch muss man anerkennen, welche Urgewalt in ihr wirkt. Sie kennt keine Scheu vor der Peinlichkeit, wirbelt geordnete Verhältnisse durcheinander. Selbst in der am nüchternsten den Regeln von Angebot und Nachfrage folgenden Form der Verpartnerung, die zu Recht den Titel „Börse“ trägt und so etwas wie den gegenseitigen Erwerb zum Höchstgebot vorsieht (Schnäppchen sind hier anrüchig), bricht sie immer wieder durch. Das stellte auch Roger Willemsen bei seiner ausgreifenden Recherche auf dem Feld der seit dem neunzehnten Jahrhundert seltsame Blüten treibenden Literaturgattung „Kontaktanzeige“ fest.

          Roger Willemsen betreibt mit seiner Inserenten-Typologie angewandte Menschenforschung.

          Wenngleich in diesem Essay über den unverbesserlichen Glauben ans Finden und Gefundenwerden die mit Inbrunst und allen grammatischen Schnitzern vorgetragenen Inserate ungewöhnlich bissig kommentiert werden („Manchmal klingen diese Anzeigen so kaputt, als wollten sie sagen: Sieh doch, ich stammle, das muss die Liebe in mir sein“), lässt sich der Autor doch kurz ergreifen von der rückhaltlosen Öffnung jener Bedürftigen, die sich nach ewiger, romantischer Liebe sehnen, und mag sie auch zehnmal ein Phantasma sein. Wo einer von „Einsamkeitsbeschwerden“ spricht, merkt Willemsen gerührt an: „So ein Wort erfindet man nicht, es kommt direkt aus der Erfahrung.“

          Hier das Intime, dort das Geschäftliche

          Den „Mut, persönlich zu werden“, zugestanden, ist die Kontaktanzeige in poetologischer Hinsicht aber doch ein ziemlich bucklicht Männlein. Der Autor fragt sich, ob „Unbeholfenheit vor der Liebe“, „Verlegenheit vor dem anderen Geschlecht“ oder „Angst vor dem Glück“ der Grund dafür ist. Alles zusammen wohl, und eine gute Portion sprachlichen Unvermögens dürfte hinzukommen. Zahllose ungelenke Exempel belegen das Auseinanderbrechen der Gattung in ihre Bestandteile, hier das Intime, dort das Geschäftliche. Wirklich peinlich wird das aber eigentlich nur, wenn sich die Suchenden im drolligen Kontaktanzeigen-Vokabular von „Baujahr“ bis „gut erhalten“ verheddern und allzu ungebrochen vermeintlichen Mustern folgen. „Seit alle wissen, wie die Sprache der Liebe klingt“, heißt es dazu, „verkleben sie dieselben Emoticons.“ Im Duett mit Anke Engelke durchmisst Willemsen alle Kreise der Sehnsuchtshölle.

          Ihre gut gelaunte Inserenten-Typologie ist angewandte Menschenforschung. Da gibt es beispielsweise die Verträumten („Du bist kein Handwerker, tanzt aber gerne?“), die Spirituellen („Bin Magier, Geistheiler und Geistmasseur“), die Resoluten („Ich suche eine keinesfalls hochnäsige Frau, die es ernst meint, denn für irgendetwas anderes habe ich keine Nerven“), die Amtlichen („Bei mehreren Zuschriften entscheidet das Los“), die Spezialisten („Suche liebevolle, schlanke, humorvolle, sexinteressierte Frau, dreißig bis vierzig Jahre, die Spaß an Angeln und Wasserkleintieren hat“), die Verschmitzten („Attraktive Blonde, schlank, sucht gepflegten, gut aussehenden Mann, mit dem sie sein Geld ausgeben kann“), die in Ironie Flüchtenden („Dummer Bauer sucht reife Frühkartoffel“), die Ausgehungerten („Zärtlich dominanter ewiger Junge sucht kluges, schlimm behaartes Frauchen“), die Frivolen („Bin gut drauf. Wer ist gut drunter?“) oder die Verbissenen, die ein bis ins Detail ausgearbeitetes Zweisamkeitsporträt zeichnen: „Wie komplett dies Leben wirkt im Glück, irgendwie richtig runtergewohnt“, kommentiert Willemsen böse.

          „Brainy is the new sexy“

          Der große Überblick, das ist der Clou, soll die Gesellschaft ungeschönt von innen zeigen, sozusagen ein Röntgenbild ihres Unterbewusstseins sein, das sich hier einmal beim Schlafittchen packen lässt: „Wer muss denn schon sonst je überhaupt sagen, was er oder sie ist, will, träumt, fürchtet?“ Willemsen liest die Kontaktanzeige also als öffentliche Beichte, in der die jeweils „ganz eigenen Ideale eines erfüllten Lebens“ entwickelt werden. Häufig sei es freilich so, dass „am Ende alles Suchens in Rage oder Bescheidenheit wieder die graue Taube rauskommt, die übrig bleibt, nachdem man alle anderen durchgemendelt hat“.

          Diese Kritik der neomodernen Empfindsamkeit ist charmant schlau, ohne zu überfordern. Willemsen, mitunter kulturgeschichtlich ausholend, wird seinem „Brainy is the new sexy“-Ruf gerecht. Vor allem aber sind die vielen Beispiele, welche die irrsten Selbstbilder voller Hoch- und Tiefstapelei enthalten, sehr, sehr lustig. Das merkt man am deutlichsten, wenn sie aus ihrem Kommunikationsrahmen gerissen und in den großen Resonanzraum geworfen werden. Und so kann man es doch ein wenig bedauern, dass der Text im Studio neu eingelesen wurde statt einen Mitschnitt seiner Aufführung im Rahmen der jüngsten Litcologne zu bieten (Katrin Bauerfeind las nicht schlechter als Anke Engelke). Vielleicht kam es Willemsen ein wenig zu denunziatorisch vor, wenn sich ein tausendköpfiges Publikum vor Prusten kaum auf den Stühlen halten kann. Aber das war kein Auslachen, eher enthemmte Selbstironie von Ertappten und fast ein wenig Schutz für die hier im grellen Licht des Intellekts Abgetasteten.

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