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Die Zukunft des Buches : Wir sagen einfach, das ist Avantgarde!

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Das e-Book ist längst etabliert. Wie muss sich nun auch der Autor verändern? Bild: dpa

Der Autor als junger Unternehmer: Ein neuer Thinktank stellt überflüssige Fragen zur Zukunft der Literatur - und findet Antworten im „transmedialen Storytelling“.

          Open feedback publishing, fan fiction, social mobile geo tagging, digital first: Voilà, die Zukunft des Buches - und dem in Berlin abgehaltenen Thinktank „LitFlow“ zufolge auch die seines contents, der Literatur. Kurz: Das Buch von morgen ist das Non-Book von heute. Alles, was im Kielwasser des geschriebenen Wortes mitreist, will künftig auch diesem zugerechnet werden. Die Kulturstiftung des Bundes hat den Studiengang für Kreatives Schreiben der Universität Hildesheim dabei unterstützt, eine Zukunftstagung auf die Beine zu stellen. Was man dort erleben konnte, war vor allem der Auratisierungsversuch neuer Marketingstrategien.

          Doch wie konnte es so weit kommen, dass das literarische Rahmenprogramm sich inzwischen sogar in Fachkreisen zur Hauptsache hochargumentieren lässt? Der Facebook-Auftritt des Autors, sein Videoblog und das eines landesweit bekannten Internet-Gurus, der das Autoren-Blog wiederum in seinem eigenen Blog erwähnt - das alles müsse heute Teil eines Schreibentwurfs sein, forderte Stephan Porombka, Perlentaucher-Essayist und Mitveranstalter der LitFlow. Lassen wir uns also versuchshalber einmal darauf ein.

          Schreiben oder selbstvermarkten? Transmediales Erzählen!

          Seit ihrer autonomieästhetischen Selbstbehauptung gedeiht die Dichtung in einem Beziehungsdreieck zwischen Autor, Verleger und Leser. Alle drei scheinen ihre Rolle derzeit neu definieren zu müssen. Autoren sollen multimedialer werden, weil ihre Verleger das zunehmend von ihnen verlangen und Leser es angeblich erwarten. Von der Aura eines hinter seinem Buch verschwindenden Autors vom Typ Thomas Pynchon scheint sich die Branche nichts mehr kaufen zu können. Und wenn das schon so ist, dann soll die Selbstvermarktung eben bitte schön Teil der ursprünglichen Kunst werden.

          Dass sich damit durchaus Geld verdienen lässt, zeigte eine Mitarbeiterin des Kölner Verlagshauses Bastei Lübbe. Dort habe man mit einer Junge-Leute-im-Café-Story das Zeitalter des digitalen Lesevergnügens eingeläutet. Hierfür brauchte es nichts weiter als zu exzessiver Mehrfachverwertung aufgelegte Autoren, einen anpassungsfähigen Stoff sowie einen App-Entwickler. Das Resultat lässt sich unter „Der Coffeeshop“ von November an im Netz begutachten: bei Facebook, wo Seriencharaktere ein apokryphes Eigenleben führen, in kleinen Video-Clips und in Online-Spielen, welche die Handlung weiterspinnen. „Transmediales Erzählen“ lautet das Stichwort zu diesem Geschäftsfeld. Stephan Porombka verkündete gar das Zeitalter der Gamifikation, was wohl heißen soll, dass in Zukunft weniger gelesen als gespielt werden soll.

          Für didaktische Projekte mag „transmediales Storytelling“ durchaus funktionieren, wie der Verlag „Das wilde Dutzend“ mit einem Multiprodukt über die Grimmschen Märchen demonstrierte. Dort kann über ein digitales Abspielgerät allerlei Zusatzmaterial zu den eigentlichen Märchen angesteuert werden: Bilder, Lexikoneinträge, Rezeptionsgeschichtliches, Videos. Aber ließe sich der ästhetische Wert eines Romans allen Ernstes dadurch steigern, dass seine Leser in einer interaktiven Feedbackschleife Figuren auswählen können wie bei einer Casting-Show?

          Der Leser und der Gentle Reader

          Nun ja, hieß es in Berlin, auch der Leser werde sich bald verändern müssen. Der Wissenschaftsjournalist Hilmar Schmundt erläuterte dies am Beispiel Geo Tagging, dem Versuch über Smartphones noch mehr digitale Spuren im Universum von Google und Apple zu hinterlassen. Wer künftig über den Alexanderplatz spaziert, der könnte über ein spezielles App demnächst mit Schauplätzen der Weltliteratur oder mit Franz Biberkopf persönlich Bekanntschaft schließen. Doch welcher Lyriker, gab die Netzpionierin Kathrin Passig zu bedenken, gebe seine Geodaten schon freiwillig heraus? Eben kaum einer. Und wie bringt man sie dazu, es trotzdem zu tun? Stephan Porombka hatte eine listige Idee: „Indem man sagt, das ist Avantgarde!“

          Obwohl das Lesen in der digitalen Öffentlichkeit noch in den Kinderschuhen steckt, war noch dem euphorischsten Tagungsbesucher klar: Das Distinktionssystem Avantgarde greift nicht mehr. Da konnte der New Yorker Kenneth Goldsmith, Autor eines Werks namens „Uncreative Writing“, noch so pfingstlerhaft krakeelen: „Fuck readers!“, „Hegemann: fantastic!“ und „Writing is reframing“ mit schönen Grüßen von Marcel Duchamp. Man muss sich in postavantgardistischen Zeiten nämlich entscheiden, ob man ästhetisch argumentiert oder kaufmännisch. Elisabeth Ruge, die heutige Leiterin des Hanser Berlin Verlags, verkaufte überzeugend, als sie vom Erfolg der E-Book-Version des Lebensberichts von Philippe Pozzo di Borgo erzählte. Mit einem Marktanteil von zehn Prozent habe man mit „Ziemlich beste Freunde“ wohl vor allem Leser mit Behinderungen erreicht. Eine Gruppe, die in der Ära des physischen Buchs oft sowohl von der Lektüre also auch der Produktion von Büchern ausgeschlossen war. „Eine Chance für unsere Branche!“

          Wie sich der Zwang zur Mehrfachverwertung auf die im Untertitel der Tagung annoncierte „nächste Literatur“ auswirken könnte, blieb im Dunkeln. Im Grunde wusste nur Kathrin Passig ein Porträt des Künstlers als jungem Unternehmer zu zeichnen. Sie präsentierte eine Erfindung namens „Gentle Reader“. Dabei handelt es sich um einen fiktiven Dienst für Autoren, mit dem sich Leserdarsteller rekrutieren lassen. Diese geben ihrem Autor positives Feedback, werben für sein Buch bei den sozialen Netzwerken und sitzen ihm gegen Aufpreis sogar lesend in öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber. Bedürftige Autoren, so Passig, könnten sich selbst als Leserdarsteller verdingen und damit ihre Kunst finanzieren - ein genialer Investitionskreislauf und eine Chance für Dichter! Eine Cleverle-Literatur, wie sie die Hildesheimer Schreibcoaches entwerfen, hat damit endlich die Leser gefunden, die sie verdient.

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