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War Hölderlin wahnsinnig? : Die Zeit heilt keine Wunden

Hölderlin im Tübinger Turm: Bleistiftzeichnung von Johann Georg Schreiner aus dem Jahr 1823 Bild: Picture-Alliance

Wie krank Hölderlin wirklich war, darüber wird seit mehr als zweihundert Jahren gestritten. Was aber würde aus einer endgültigen Antwort folgen?

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          Über die These, Hölderlin sei in seiner zweiten Lebenshälfte gar nicht verrückt gewesen, er habe eine Geisteskrankheit vorgespielt, um der drohenden Verfolgung durch die Obrigkeit zu entgehen, kann man staunen – und mehr noch über die breite Diskussion, die sie fand. Sie stammt von dem französischen Germanisten und kurzzeitigen Geheimdienstchef Pierre Bertaux, der in seinem 1978 veröffentlichten Hölderlin-Buch zu den Beweggründen seiner Gegenrede schrieb: „Schon damals, vor vierzig, fünfzig Jahren, störte mich die geläufige Vorstellung, die Einmaligkeit von Hölderlins Dichtung lasse sich mit einer pathologischen Veranlagung in Verbindung bringen – wenn nicht gar durch sie erklären –, die sich anfangs in der Genialität Hölderlins manifestiert, sich im Laufe der Jahre aber als ausgesprochene Geistesgestörtheit entpuppt hätte.“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Liest man diese Sätze mehr als vierzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung, fragt man sich jedoch, ob Bertaux mit Aussagen wie „Es störte mich, dass dieser Mann als Geisteskranker galt“ eine entsprechende Krankheit nicht als Makel darstellte. Man muss das wohl im Kontext jener Zeit sehen, in einem psychiatriekritischen Klima, das von Werken wie Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“ inspiriert wurde und etwa in dem 1975 verfilmten Anstalts-Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey zum Ausdruck kam. Der Außenseiter, der von einer auf Normen pochenden Gesellschaft aus dem Verkehr gezogen wird – damit konnten sich offenbar viele identifizieren. Bertaux nun, der Resistance-Kämpfer, forderte eine „respektierende Anerkennung“ von Hölderlins „Eigenart“ und erklärte, mit einer „wissenschaftlich überholte(n) Legende“ aufräumen zu wollen. Auch das traf auf empfängliche Ohren.

          Und in vielem hat Bertaux ja auch recht: Hölderlin, den er in einem früheren Buch – ebenfalls sehr steil – als Jakobiner darstellt, hätte durchaus in bestimmten Phasen seines Lebens einen Grund gehabt, als nicht zurechnungsfähig zu gelten. Konkret im Jahr 1805, als ihm, nachdem sein Freund und Förderer Isaac von Sinclair als Aufrührer denunziert worden war, ein Prozess wegen Hochverrats drohte. Auch gibt es eine Reihe zeitgenössischer Äußerungen, die darauf hindeuten, der Dichter habe in dieser bedrohlichen Phase den geistig Umnachteten nur gespielt. Andererseits war sein Zustand schon im Jahre 1802, in dem er desolat von seiner Hofmeisterstelle in Bordeaux nach Deutschland zurückkehrte, vielfach als geistig zerrüttet, wahnsinnig, rasend bezeichnet worden.

          Wurde Hölderlins Kauzigkeit überzeichnet?

          Im Jahr 1806 dann – Sinclair hatte nach seiner Haftentlassung Hölderlin mehr oder weniger fallenlassen – wurde er mit Genehmigung der Mutter ins Tübinger Universitätsklinikum zwangseingewiesen und mit allerlei Substanzen nach heutiger Auffassung mehr traktiert als behandelt. Ein Tübinger Student berichtete im Oktober des Jahres, der Leiter des Universitätsklinikums, Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, wolle dem „gefallenen Titanen“ Hölderlin mit seiner Behandlung „die Poesie u. die Narrheit zugleich hinausjagen“. Denn gesteigerte geistige Tätigkeit galt zu dieser Zeit noch als typischer Auslöser von Geisteskrankheit, als „geistig Umnachteter“ konnte man zudem, wie der Psychiatriehistoriker Klaus Dörner in dem Interview-Band „Aus der Klinik ins Haus am Neckar“ sagt, leicht im Zuchthaus enden. Demgegenüber vertrat Autenrieth ein betont inklusives Konzept. Hölderlin, dem der Mediziner bei der Entlassung nur noch wenige Lebensjahre gab, wurde der Betreuung des bildungsbeflissenen Tübinger Tischlermeisters Ernst Zimmer übergeben und brachte in einem kleinen Turmzimmer mit idyllischem Rundblick die letzten 36 Jahre seines Lebens zu.

          Hölderlins Bleibe der letzten Jahre liegt idyllisch am Neckar.
          Hölderlins Bleibe der letzten Jahre liegt idyllisch am Neckar. : Bild: dpa

          Was wissen wir aus dieser Zeit? Besucher berichten recht übereinstimmend von Hölderlins Eigenart, Gäste mit „Euer Hochwohlgeboren“ anzureden und tiefe Verbeugungen zu vollführen. Sein Bewegungsdrang sei ausgeprägt, wild spiele er mit seinen langen Fingernägeln Klavier und vermische in der Unterhaltung oft mehrere Sprachen. Sinnvolle Antworten kommen offenbar nur selten aus seinem Mund, doch manche seiner späten Gedichte sind von eigenwilliger Schönheit. Selbst in den unübertrefflich distanzierten Briefen an seine Mutter, die ihn nie in Tübingen besuchte, fallen faszinierende Formulierungen wie diese: „Die Zeit ist buchstabengenau und allbarmherzig.“

          Bertaux klang das alles zu verrückt. Er versuchte, dem Hauptzeugen jener späten Jahre, dem Schriftsteller Wilhelm Waiblinger, Befangenheit nachzuweisen. Dieser habe Hölderlins Kauzigkeit überzeichnet, weil ihm eine bestimmte Romanfigur vorschwebte. Am 8. August 1822 hatte Waiblinger in sein Tagebuch geschrieben: „Nur einen Wahnsinnigern möcht’ ich schildern – ich kann nicht leben, wenn ich keinen Wahnsinnigen schildre (...) Hölderlin! Hölderlin!“. Der wahnsinnige Hölderlin sei dann auch in Waiblingers einflussreichen biographischen Essay von 1827/28 eingegangen.

          Schizophren oder vergiftet?

          Was aber, wenn Hölderlin tatsächlich „seelenkrank“ war? Was gewinnt man, wenn man sich auf Bertaux’ Simulanten-These einlässt, außer der romantischen Vorstellung eines ungebrochenen Helden? Man erinnert sich an „Einer flog über das Kuckucksnest“, in dem der „Chief“ Bromden den bewunderten Simulanten McMurphy, der von Elektrobehandlungen und einer Lobotomie um den Verstand gebracht wird, mit einem Kissen erstickt, um dessen Ehre und revolutionäres Image zu retten.

          Der Widerspruch eines Psychiaters gegen Bertaux ließ in Deutschland nicht lange auf sich warten. 1982 kommt der Klinikdirektor Uwe Henrik Peters in seiner Streitschrift „Wider die These vom edlen Simulanten“ zu dem Ergebnis, Hölderlin habe an einer Schizophasie gelitten, einer durch besondere Spracheigenheiten geprägten Form der Schizophrenie. Direkt gegen Bertaux gerichtet, dessen Bild des geistig Kranken er für „völlig unzulässig“ hält, fragt er, wie Hölderlin denn eine Krankheit habe spielen sollen, die erst hundert Jahre später entdeckt werden würde.

          Doch auch gegen Peters’ naturgemäße Ferndiagnose gab es Einwände. So zuletzt in dem Sammelband „Hölderlin und die Psychiatrie“, in dem eine eindeutige Diagnose vermieden wird. Und im Jahr 2017 gab es sogar neue Unterstützung für Bertaux. Da schreibt der Arzt und Pharmakologe Reinhard Horowski in seinem Buch „Hölderlin war nicht verrückt“, der Dichter sei von seinen Ärzten durch hohe Gaben unter anderem von Quecksilber vergiftet worden, seine Symptome passten dazu. Horowski hofft darauf, ein Haar des Dichters zu finden, an dem man seine Vergiftung nachweisen könnte.

          Was aber würde sich verändern, wenn man eines fände, mit Giftstoffen darin? Würde das unseren Blick auf einen Menschen in Not und sein dichterisches Werk umwälzen? Die mit Hölderlin beschäftigten Psychiater fordern vor allem eins: interdisziplinär die besondere Kommunikation von geistig Kranken, ihre Nähe zur poetischen Sprache zu erforschen. Alle Seiten können dabei gerade in einer Gesellschaft, deren Pflegebedarf steigt, nur gewinnen.

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