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Eva Demski wird siebzig : Die ruppige Ecke vom Paradies

Der Koffer ist im Leben von Eva Demski mehr als ein Reiseutensil Bild: dpa

Die Schriftstellerin Eva Demski entfaltet in ihren Büchern das Traumpotential des scheinbar Gewöhnlichen. Zu ihrem siebzigstem Geburtstag lüftet sie in einer Kabinettausstellung auch ein Geheimnis: Was steckt in ihren vielen Koffern?

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          Das mit den Köfferchen ist nicht bloß ein Tick. Eva Demski hortet tatsächlich ihre Kostbarkeiten zu Hause im Frankfurter Dichterviertel, in dem sie seit vielen Jahren lebt, in lauter Koffern. Und so war es für Wolfgang Schopf, den Kurator der Kabinettausstellung im „Fenster zur Stadt“, keine Frage, wie er die Sache leitmotivisch angehen würde. Die Schau präsentiert ihre literarischen Trouvaillen als offen stehende Bagage. Spaziert man entlang der Materialien, durchquert man ein vielseitiges Künstlerleben. Da liegt das Manuskript zum in Klagenfurt ausgezeichneten Roman „Karneval“ von 1981. „Heute ist Aschermittwoch. Ich bin früh aufgewacht vom Rumpeln der Müllwagen“, so beginnt das Manuskript, in dem – es ist eine Kopie – dankenswerterweise geblättert werden darf.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Kaum je finden sich Striche in Demskis maschinengeschriebenen Texten, hier ist ein „Gedanke“ durch „Spinnerei“ ersetzt, da wird ein „vermisst“ zu „nachgetrauert“. Vom „Narrenhaus“, der witzigen Biographie eines vierzehnstöckigen Hochhauses, geht es weiter zum vielgelobten „Afra“-Roman, der Geschichte eines ungewollten Mischlingskindes im Nachkriegsbayern. In der Ausstellung zeigt sich wieder einmal, wie produktiv Eva Demski ist und wie sehr sie dafür geschätzt wird, dass sie ihre Leser immer wieder überrascht. Themen und Genres ihrer mehr als zwanzig Bücher könnten unterschiedlicher kaum sein, im Kern aber geht es meist ums Ganze, den Menschen, wie er ist und wie er zu sein hofft.

          Das nächste Köfferchen führt in die bleierne Zeit der siebziger Jahre. Gleich vier verschiedene Ausgaben ihres wohl wichtigsten Romans „Scheintod“ liegen hier, in dem sich die Autorin mit dem Leben und frühen Tod ihres Mannes auseinandersetzt, der einer der Anwälte Gudrun Ensslins war. Der Roman von 1984, dieser Tage von Insel neu aufgelegt, schildert wie ein Oratorium die zwölf Tage zwischen Sterben und Begräbnis, an denen die Frau des Toten über sich, ihr Leben und ihre gescheiterte Ehe Zeugnis ablegt.

          Die Schriftstellerin in ihrem Zaubergarten

          Auch musikalisch darf der Besucher in der Ausstellung mitspielen, indem er Musikstücke ansteuern kann, die in den Romanen eine Rolle spielen. Neben Sidney Bechets „Petite fleur“ und dem kommunistischen Arbeiterlied „Avanti Popolo“ hört der Jurist in „Scheintod“ kurioserweise Nana Mouskouris „Adieu mes amis“. Man erzählt sich, dass Eva Demski als gebürtige Regensburgerin auch deshalb mehr als vierzig Jahre in Frankfurt ausgeharrt hat, weil sie mit ihren vielen Köfferchen jederzeit zur schnellen Abreise bereit wäre.

          Doch wer schon einmal bei Eva Demski zu Gast sein durfte, weiß, dass sie, die auch als Journalistin viel für Hörfunk und Fernsehen gearbeitet hat, noch auf ganz andere Weise in dieser Stadt buchstäblich verwurzelt ist: durch ihren Zaubergarten. Dass sich ihre „Gartengeschichten“ als veritabler Longseller erwiesen haben, kann daher niemanden wundern. Die Ausstellung würdigt ihren grünen Daumen denn auch mit lauter blauen Hortensien.

          Wie sehr die Autorin mit dem dunklen Lachen, die um eine eigene Meinung und klare Haltung nie verlegen ist, der Stadt und der Region bis hin zum Rheingau unsentimental und doch innig verbunden ist, zeigt nicht nur ihr kluges, amüsantes Buch über die romantische Sehnsuchtslandschaft am Rhein, sondern auch der Frankfurt-Teil der Ausstellung. In einem Text über den Dornbusch, jenes Viertel, in dem Eva Demski als Tochter des Bühnenbildners Rudolf Küfner aufwuchs, fragt sie sich, warum „man selbst in den Paradiesen der Erde dieses ruppige Stück Frankfurt nicht vergisst“. Vielleicht, antwortet sie sich, weil es einen nicht anstrengt, und vor allem: Es hat eine Menge Traumpotential. Man kommt hierher und denkt ans Weggehen, man hält es für eine Durchgangsstation – und irgendwann wird das Stückchen Dornbusch unverzichtbar. Am Montag feiert Eva Demski ihren siebzigsten Geburtstag, natürlich in Frankfurt.

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