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Tiere im Nationalsozialismus : Unter Allesfressern

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Hundeliebhaber und Vegetarier Hitler: Katzen waren die „Juden“ der Tierwelt. Bild: Picture-Alliance

Seidenraupen gegen Kartoffelkäfer: Jan Mohnhaupt hat die Rolle von Tieren im Nationalsozialismus analysiert. Die Nazis waren genauso wenig Tierfreunde, wie sie Menschenfreunde waren.

          3 Min.

          Bis heute wird die Erzählung von der Tierliebe der Nationalsozialisten verbreitet. Zu den ersten Gesetzen des Regimes gehörte das deutsche Tierschutzgesetz, das am 24. November 1933 erlassen wurde und in dessen erstem Satz es hieß, die „Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ gebiete, „dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“. Bekannt sind die Geschichten vom Hundeliebhaber und Vegetarier Hitler, der eine Fleischbrühe als „Leichentee“ zu bezeichnen pflegte; bekannt sind die Fotos von Göring, wie er einen jungen Löwen mit der Flasche füttert. In seinem neuen Buch hat Jan Mohnhaupt, nach seiner Studie über den „Zoo der Anderen“ in Zeiten deutscher Teilung, auch solche Geschichten versammelt; doch konzentriert er sich dabei auf ideologische Hintergründe und Widersprüche. So wird zwar der Tierschutz von den Nationalsozialisten propagiert, zugleich aber werden die meisten Tierrechts-Vereine aufgelöst und verboten. Rassistische Stereotypen werden auf die Tierwelt bezogen; die Unterscheidung zwischen nützlichen und schädlichen Tieren kulminiert dann rasch in der Gegenüberstellung von „Herrentieren“ – Hunde, Bären, Wölfe, Raubtiere – und beispielsweise den Katzen als „Juden“ im Reich der Tiere.

          Mohnhaupt beginnt seine Darstellung mit der Erinnerung an einen kleinen Zoo beim KZ Buchenwald; Lagerkommandant Karl Koch hat diesen Zoo errichtet, gerade einmal fünfzehn Schritte vom Krematorium entfernt. Ein drei Meter hoher und drei Kilometer langer Elektrozaun trennt das Areal des Konzentrationslagers von den Bereichen der Aufseher und Wachmänner, in denen sich der Zoo befindet. Für die Betreuung des Bärenzwingers werden Sinti und Roma rekrutiert, denen nachgesagt wird, sie hätten als fahrende „Gaukler“ den Umgang mit Tanzbären erlernt. Gelegentlich lässt Koch Häftlinge in den Bärenzwinger werfen, um sich an deren Zerfleischung zu amüsieren. Zu diesen grauenhaften Details passt die Erzählung vom angeblich gutmütigen Bernhardiner-Mischling Barry in Treblinka, trainiert auf das Kommando: „Mensch, fass diesen Hund!“ Den Hunden widmet Mohnhaupt sein erstes Kapitel; darin geht es um die Zuchtgeschichte des deutschen Schäferhundes, aber auch um die widersprüchliche Wahrnehmung der Wölfe, die einerseits geradezu als „Totemtiere“ verehrt, andererseits als Erzfeinde der Landwirtschaft bekämpft und gejagt werden.

          Als rassehygienische Paradebeispiele für nützliche und schädliche Tiere

          Nicht weniger ambivalent ist das Verhältnis zu den Schweinen. Das Schwein gilt zwar als das deutsche Nutztier schlechthin, wozu in der NS-Propaganda auch beitrug, dass Juden und Moslems der Genuss von Schweinefleisch untersagt ist. Zugleich sind Schweine aber Allesfresser, also direkte Nahrungskonkurrenten der Menschen. Schon während des Ersten Weltkriegs, so erzählt Mohnhaupt, habe diese Konkurrenz zu Massenschlachtungen geführt, weil befürchtet wurde, dass die verfügbaren Kartoffelvorräte nicht für Bevölkerung und Schweine ausreichen würden. Also wurde eine Art von Frischfleischreserve drastisch reduziert, was nach Missernten eine Hungersnot eher beförderte als verhinderte.

          Wolf oder Schwein? Anders als in Tex Averys Zeichentrickfilmen, in denen der böse Wolf mit Hakenkreuz und Stechschritt gegen die drei kleinen Schweinchen in den Krieg zieht, spielt diese Opposition in Hitlers Reich keine Rolle, vor allem nicht bei der Jagd auf Hirsche, Wölfe oder Wildschweine. Die Jagd steht bei Mohnhaupt im Mittelpunkt des fünften Kapitels: Sie fungierte als Domäne des Reichsjägermeisters Göring, der seine Trophäen in Carinhall und auf Jagdausstellungen präsentierte. Nebenbei wird kommentiert, dass Görings Jagdleidenschaft das Missfallen von Hitler oder Goebbels erregte.

          Da half jeder mit, auch die Kinder: Krieg gegen den Schädling Kartoffelkäfer, um 1935. Bilderstrecke
          Unter Allesfressern : Tiere im Nationalsozialismus

          Aufschlussreich ist das dritte Kapitel über die Insekten: Geschichten von der – bis in die letzten Schulklassen – kollektivierten Zucht von Seidenraupen zur Produktion des dringend benötigten Stoffs für Fallschirme oder Berichte vom energischen, ebenfalls mit Unterstützung der Kinder betriebenen Krieg gegen die Kartoffelkäfer. Fast von selbst versteht sich, dass Seidenraupen und Kartoffelkäfer im Schulunterricht als rassehygienische Paradebeispiele für nützliche und schädliche Tiere dienen konnten. Das Buch endet schließlich, wenig überraschend, mit einem Kapitel zu den Pferden. Während die deutschen Panzer nach dem Tiger benannt wurden (und später einmal nach dem Leopard), blieben die Pferde etwa an der Ostfront unverzichtbar: Sie mussten den Nachschub an Proviant und Waffen schleppen. Insgesamt waren es wohl rund drei Millionen Pferde, Esel und Maultiere, die im Krieg in dieser Funktion eingesetzt wurden. Ideologisch wurde das Pferd – paradox genug: ausgerechnet ein Fluchttier, das sich von Pflanzen ernährt – heroisiert und verehrt; im Alltag des Winterkriegs endeten sie oft genug im Kochkessel ausgehungerter Soldaten. Die Heldenzeiten der Kavallerie waren eben längst vorbei. Nur ein Tier habe vom Krieg wirklich profitiert, resümiert Mohnhaupt in einem kurzen Epilog, nämlich die Kleiderlaus. Und später vielleicht der deutsche Schäferhund, der sein „braunes Image“ allerdings nie mehr ganz verlor, ebenso wenig wie die Wölfe, die in der Nachkriegszeit auch zu Zwecken der „Reeducation“ gejagt wurden.

          Jan Mohnhaupt hat ein flüssig und anschaulich geschriebenes Buch vorgelegt, das in einigen Passagen vielleicht etwas zu nah am ubiquitären Nazi-Kitsch operiert. Doch immerhin leistet seine Untersuchung einen wichtigen Beitrag zur Kritik der eingangs erwähnten Erzählung der Tierliebe des NS-Regimes.

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