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„Literatur im Kreuzverhör“ : Und was, wenn alle im Dunkeln tappen?

Jetzt raten Sie mal, von wem das ist: Peter Härtling liest vor. Bild: Bergmann, Wonge

So wurden wir literarisch sozialisiert: Heute läuft im Hessischen Rundfunk die letzte Ausgabe der Ratesendung „Literatur im Kreuzverhör“ mit Peter Härtling. Wer sie hört, weiß, warum der Sender sie unbedingt fortführen sollte.

          „Literatur im Kreuzverhör“ ist eine der ältesten, am längsten laufenden Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks; vielleicht weltweit. Es gibt sie seit vierzig Jahren, wir waren vierzehn oder fünfzehn, als wir sie das erste Mal hörten. Am 25.Oktober war das Jubiläum der Raterunde, die seit ihren Anfängen von dem inzwischen achtzigjährigen Schriftsteller Peter Härtling moderiert wird. Am Samstag nun wird sie aus der Frankfurter Buchhandlung Schutt vorerst zum letzten Mal von einem öffentlichen Ort aus gesendet. Der Hessische Rundfunk (HR) will, wie er mitteilt, vom Konzept des Literaturrätsels mit Publikum abgehen; über eine Fortsetzung aus den Hörfunkstudios des HR werde aber nachgedacht.

          Das wäre gut. Denn das Literaturrätsel – einer wählt Texte aus, die anderen sollen herausfinden, aus welcher Epoche, von welchem Autor, aus welchem Buch sie stammen – ist nicht nur ein netter Zeitvertreib. Der kleine Triumph des Gedächtnisses, das Wiedererkennen und das zufriedene Nicken der Vielleser erschöpfen die Sache nicht. Viel reizvoller nämlich ist seit jeher die Spurensuche in Texten, die der Zuhörer gerade nicht wiedererkennt, womöglich nie gelesen hat. „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land: sie machen die Dinge dort anders“ – kann so ein Roman des neunzehnten Jahrhunderts angefangen haben. Schreibt so ein Deutscher, wäre der Satz nach 1945 wahrscheinlich? Stil, Ton, Zeit, Ort, Namen, Rhetorik – das unbekannte Lesestück zwingt zum Nachdenken darüber, woran Literatur überhaupt erkennbar ist.

          Es zählt allein der Text

          Der Anglist Stephen Greenblatt hat einmal erzählt, dass in seiner Studienzeit in Harvard die Professoren mit ihnen ständig das Spiel „Datieren“ gespielt hätten (F.A.Z. vom 19.Februar 2014). Ausschließlich durch Lektüre der Texte, ohne Kenntnis von Autornamen und Titel, sollten die Studenten herausfinden, wann er geschrieben wurde: „Ich habe dieses Spiel hundertmal gespielt, ich war nicht überragend gut darin, aber irgendwann konnte auch ich sagen: Das hier, das muss 1670 und nicht 1680 oder 1650 geschrieben worden sein. Die Besten sagten: Es ist von 1672.“ Warum das Spiel gespielt wurde, sagte Greenblatt, wisse er nicht, es habe aber unheimlich geschult, wenn es auch irgendwie verrückt gewesen sei.

          Die Aufgaben, die Peter Härtling seit vierzig Jahren seinem Publikum und der kleinen Expertenrunde gestellt hat, die er zu jeder Sendung um sich versammelt, sind meistens leichter. Manches Mal womöglich sogar zu einfach. Auch für diese Prüfung gilt wie für alle: Wenn man sie nur bestehen kann, ist sie keine. Am schönsten waren jedenfalls in der Erinnerung des Schülers, der vor vierzig Jahren zuhörte, die Diskussionen, bei denen alle im Dunkeln tappten.

          Der Schriftsteller als junger Mann: Peter Härtling

          Doch das Gespräch darüber, woran sich eine Erzählung von Rudolf Borchardt erkennen lässt oder ob es Texte von Jean Paul gibt, die nicht sofort als Texte von Jean Paul erkannt werden, erfüllt noch eine andere Funktion als die der Sinnesschulung fürs Lesen. Gegenüber dem Wettlauf der Meinungen in Literatursendungen des Fernsehens, der sich als Kritik missversteht, hat Härtlings Sendung den Vorteil der Nachdenklichkeit. Denn meistens sind es nicht die Favoriten des Tages, die vier Jahre später keiner mehr erinnert, die hier erkannt werden sollen, sondern ist es Literatur, die sich auf irgendeine Weise schon bewährt hat. Oder die zu Unrecht ins Vergessen geriet – vergessene Bücher sind ein großes Lebensthema Härtlings. Die berühmte, meistens einem Astronomen am preußischen königlichen Hof zugeschriebene Entgegnung auf die Frage „Was gibt es Neues?“ – „Kennen Majestät schon das Alte?“ –, diese Gegenfrage ist insofern auch in Sachen Literatur einschlägig. Es dürfte in vierzig Jahren „Kreuzverhör“ nicht wenige Zuhörer gegeben haben, die durch die vorgelesenen Stoffproben und Geschmacksmuster zu den entsprechenden Werken gefunden haben.

          Der Hessische Rundfunk hat also mehr als einen guten Grund, diese Sendung fortzusetzen und weiterzuentwickeln. Die gebührenzahlende, lesende Menschheit bittet darum.

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