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Armenier und Türkei : Wie soll man in so einem Land leben können?

Von den Toten blieben nur Knochen: Dokumentarische Aufnahme aus dem NDR-Film „Aghet“ zum Völkermord an den Armeniern. Bild: NDR/Lepsius Archiv

Auch davon will Präsident Erdogan nichts wissen: Die Historikerin Talin Suciyan beschreibt in einem Buch neue Details der leidvollen Geschichte der Armenier in der Türkei, die den Völkermord von 1915 bis heute leugnet.

          Der Genozid des Jahres 1915 war das schwärzeste Kapitel in der Geschichte des armenischen Volkes. Nur wenige mehr als hunderttausend Armenier haben auf dem Boden der heutigen Türkei, ihrer Heimat, überlebt. Die meisten Überlebenden begannen in der Diaspora ein neues Leben. Doch auch die ersten Jahrzehnte in der 1923 gegründeten Republik Türkei sollten für die Armenier Istanbuls und Anatoliens ein dunkles Kapitel werden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Historikerin Talin Suciyan, die in Istanbul geboren wurde, zeichnet in ihrer Monographie nach, wie der neue türkische Nationalstaat mit seiner Politik der Leugnung des Genozids und parallel die türkische Gesellschaft in einem Alltag von Diskriminierungen die Armenier dazu zwangen, sich diesem Diskurs der Leugnung zu fügen. Wertvoll macht die Studie über die Armenier in der Türkei, dass Suciyan armenische Zeitungen ausgewertet hat, die in Istanbul erschienen sind und bislang kaum beachtet wurden, und weil sie zahlreiche armenische Zeitzeugen interviewte.

          Was die türkische Geschichtsschreibung ausblendet

          Die an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätige Suciyan legt damit einen Blick auf die Geschichte der Türkei in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts frei, der sich von der traditionellen türkischen Geschichtsschreibung unterscheidet. Denn diese blendet die Geschichte von Minderheiten wie der Kurden, Armenier, Griechen und assyrischen Christen aus, obwohl sie wesentlich zum kulturellen Erbe Anatoliens beigetragen haben.

          Massenmord und Vertreibung: Armenier auf dem Treck in die Wüste. Nur wenige Kinder wurden von Hilfsorganisationen gerettet.

          Erst in jüngerer Zeit haben auch türkische Historiker begonnen, Exzesse des türkischen Staats gegen die Minderheiten aufzuarbeiten - wie die Vertreibung der Juden 1934 aus Thrakien, die Niederschlagung des kurdischen Aufstands 1938 in Dersim, die prohibitive Vermögensabgabe von Nichtmuslimen 1942, der Pogrom gegen die Griechen 1955 und deren Vertreibung aus Istanbul 1964. Kein moderner Staat habe die physische und kulturelle Existenz von Minderheiten derart systematisch ausgelöscht wie die Türkei, zitiert die Autorin den Historiker Hans-Lukas Kieser.

          Wer in Anatolien als Armenier überlebte - und nicht wie viele Kinder zwangsislamisiert wurde, oder, um zu überleben, zum Islam konvertierte - ließ sich in Istanbul nieder. Damit ging nahezu die gesamte reiche armenische Kultur Anatoliens verloren. Und in Istanbul, wo heute fast alle der achtzigtausend türkischen Armenier leben, wurden die Überlebenden damit konfrontiert, dass sie nicht willkommen waren, da sie bei dem Prozess der Schaffung eines homogenen türkischen Nationalstaats nur störten. Riza Nur sprach es 1923 offen aus: Die Türkei könne für die Armenier keine Heimat sein.

          Die Eltern sind verschwunden: armenische Waisenkinder 1915.

          Mit vielen Beispielen aus dem Alltag zeichnet Suciyan nach, was das bedeutet hat: Razzien, die Enteignung von Immobilien der Gemeinde, die Entführung schulpflichtiger Mädchen, die willkürlich praktizierte Wehrpflicht für Mitglieder der Minderheiten, das Verbot von armenischen Publikationen. Die willkürlich ausgelegte „Herabsetzung des Türkentums“ wurde ein Straftatbestand, andere durften aber herabgewürdigt und beleidigt werden. Das Ziel war: Die Armenier sollten assimiliert werden oder das Land verlassen.

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