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Buch über Rechtspopulismus : Die Dimension der Provokation

  • -Aktualisiert am

Cornelia Koppetsch Bild: Jan-Christoph Hartung

Nicht nur ein Schluckauf des Systems, sondern Zeichen eines „aktuellen epochalen Umbruchs“: Cornelia Koppetsch erklärt den Rechtspopulismus als Protest gegen materielle und immaterielle Statusverluste.

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          Cornelia Koppetschs „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“ ist ein großer Wurf – und zwar deshalb, weil das Buch, anders als die meisten anderen der mittlerweile schwer zu überblickenden Beiträge zum Thema, der Dimension der populistischen Provokation gerecht wird. Gerecht werden heißt einerseits, den Aufstieg des Populismus nicht nur als Schluckauf des Systems, sondern als Zeichen eines „aktuellen epochalen Umbruchs“ zu verstehen, als „Konterrevolution gegen Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse“, sprich als Reaktion auf fundamentalen gesellschaftlichen Wandel. Und es heißt andererseits, ihn somit auch als umfassende gesellschaftstheoretische Herausforderung anzunehmen.

          Bei Koppetsch ist also der Populismus Anlass für Gesellschaftsdiagnose, und es kommt daher das große soziologische Besteck zum Einsatz: viel Bourdieu und sein Konzept des sozialen Kapitals, viel Elias und seine Theorie des Zivilisierungsprozesses, dazu alles Mögliche, was sonst noch in der Soziologie Rang und Namen hat. Auf den Leser wartet damit ein Text mit ausgesprochen hoher Begriffs- und Konzeptverdichtung und mit weit ausholenden Erklärungen. Da bekommt man auch noch einmal den Übergang von der feudalen zur moderne Gesellschaft nacherzählt und lernt in einem Buch über den Rechtspopulismus nebenbei etwas über die unter dem Begriff „viktorianischer Lebensstil“ firmierende Affektmodellierung des britischen Establishments des neunzehnten Jahrhunderts.

          Alles andere als irrational

          Dieses Panorama muss aber eben als angemessene Reaktion auf ein Phänomen verstanden werden, das bedeutend mehr ist als nur der Aufstieg eines neuen Parteientypus in den Parteiensystemen des Westens. Populismus wird von Koppetsch verstanden als Protest gegen materielle und immaterielle Statusverluste, die von jenen Veränderungen in der Tiefenstruktur von Gesellschaften ausgelöst werden, die sich unter dem Oberbegriff Globalisierung oder Transnationalisierung fassen lassen.

          Darunter fällt die Spaltung der Mittelklasse in eine mobile, profitierende, und in eine immobile, verlierende Fraktion; darunter fällt der Aufstieg eines neuen Dienstleistungsproletariats, dessen Lohnniveau auch wegen der Migration stagniert; es gehört die Internationalisierung der Lohnkonkurrenz dazu, weil der westliche Kapitalismus sich nun darauf verlegt hat, Firmen zu exportieren und Arbeiter zu importieren; und es gehört als Reaktion die Anrufung des Nationalen dazu bei denjenigen, die durch solche Prozesse unter die Räder geraten oder fürchten, dass ihnen das bevorsteht.

          Bei Koppetsch gehört schließlich der in der einschlägigen Literatur eher selten zu findende Hinweis dazu, dass angesichts dieser umfassenden Transformationsprozesse die Anrufung des Protektionistischen und Kompensierenden und Restriktiven des nationalen Wohlfahrtsstaats alles andere als irrational oder unverständlich oder auch nur im Kern unethisch sei.

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