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Die Bücher der Saison : Gibt es denn keine Welt da draußen?

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Das Frühlingsgefühl: Melancholie Bild: picture-alliance/ dpa

Der Terror der Melancholie: In der deutschen Literatur des Frühjahrs warten alle darauf, dass etwas passiert - aber es passiert nichts. Ein einziges Buch nur reißt einen heraus aus aller melancholischen Selbstbetrachtung.

          Dort hinten war der Horizont. Warum habe ich einen Horizont? Ich habe vom Leben das Unendliche erwartet. Erst völlig betrunken fällt dem Erzähler auf, dass das ganze Glück der Welt in dieser Orangenschale liegt.

          Wenn man sich so hindurchliest durch die deutschen Bücher der Saison, kann einem schon etwas schummrig werden. Irgendwie so leer und nach innen gekreiselt, festgehakt in einer tiefen, schwarzen Schlucht. Und nach einiger Zeit, nach einigen Büchern fühlt man einen immer stärker werdenden Drang, hinauszusehen aus dem Fenster, um sich zu versichern, ob die Welt da draußen noch da ist, ob die Menschen noch da sind oder ob alles erstarrt ist in einem Zwischenreich der Melancholie, der Kälte und der Erstarrung. In einem Zwischenreich der Erwartung. In dem jederzeit alles passieren könnte. Aber eben jetzt noch nicht. Jetzt passiert eben leider noch gar nichts. Die deutsche Literatur Frühjahr 2007 wartet ab. Sie hofft. Und sie hat Angst. Die Zukunft kann alles bringen. Den Terror, die Befreiung, die Liebe, die Flucht. Im Moment ist Melancholie. Der Terror der Melancholie. Oder die Schönheit.

          Liebe aus der Ferne

          Fünf Jahre ist es her, dass der Journalist und Schriftsteller Kolja Mensing, 36, ein Fluchtbuch aus der Provinz geschrieben hatte: „Wie komme ich hier raus?“ hieß es - ein Buch über das Aufwachsen in der Provinz, das Leiden an der Provinz und schließlich die Flucht aus der Provinz - nach Berlin. Er hat dann als Journalist gearbeitet, als Literaturredakteur in Berlin, als Kritiker auch für die F.A.Z., hat Filme gedreht aus dem dreizehnten Stock eines Hochhauses, aus dem Alltagsleben in einem Einkaufscenter. Und jetzt also Erzählungen geschrieben aus einer Welt des Wartens, der Liebe aus der Ferne oder des Davongehens aus dem Leben einfach so. Es sind extrem kurze, traurige Erleuchtungen in ein verborgenes Leben hinein. Meist in das Leben der Mittdreißiger, die einst vom Aufbruch träumten und nun nicht sicher sind, ob er das schon gewesen ist, der Aufbruch, oder ob sie eines Tages weiterziehen in eine andere Hauptstadt hinüber, eine andere Hoffnung hinein und dann der wahre Aufbruch endlich beginnt: „Gemeinsam warteten wir darauf, daß das Leben anfangen würde oder zumindest das, was wir uns früher einmal darunter vorgestellt hatten. Bis dahin vertrieben wir uns die Zeit mit schlechten Filmen und Gesprächen über seine Mitbewohnerin und ihre Freunde.“

          Die Vision des guten Lebens: Silke Scheuermann

          Das ist das Frühlingsgefühl 2007. Das Frühlingswarten 2007. Es ist überall. Hier, sehen Sie mal: „Es ist ein Geschenk, das das Leben uns machte, indem es uns Seelen schenkte, in denen Zartheit und Geduld herrschte, so dass unser Dasein endlich zur Deckung käme mit jener Vision eines guten Lebens, die wir in uns trugen und immer wieder sahen, wenn auch nur als Schatten, der immer ein, zwei Schritte vor uns um die Ecke bog.“ So heißt es im neuen Buch der 33-jährigen Silke Scheuermann. Oder im ersten Roman der 36-jährigen Johanna Straub: „Ich habe immer gedacht, es ist erst der Anfang, sagt Philippa. Ich dachte, es geht immer so weiter und das Eigentliche passiert erst noch. Man trifft neue Menschen und alles wird anders.“

          Mickrige, kleine Gefühle

          Harriet Köhler, 30, umschreibt es in ihrem ersten Roman so: „Nur wenn du es dir in deiner Welt mit großen Worten einrichten kannst, musst du nicht erkennen, dass deine Wirklichkeit aus ziemlich mickrigen, kleinen Gefühlen besteht.“ Und so enttäuschen wir uns fort und fort: „Obwohl zwei, die zusammenkommen, immer alles neu machen wollen, aber nach einer Weile machen sie doch wieder das Alte nach, und von ihrem großen Plan bleiben nur die orangefarbenen Wände ihrer Zweizimmerwohnung übrig“, heißt es bei Antje Rávic Strubel, 33. Franziska Gerstenberg, 28, schreibt knapp: „Das Problem lag woanders: Nach einer Woche Urlaub hatte sich nichts verändert.“ Und schließlich, der Meister von Mittelmaß und Wahn, Wilhelm Genazino, 63, in seinem neuen Roman „Mittelmäßiges Heimweh“: „Im Grunde erwarte ich immer noch, daß sich das Dasein innerhalb der Lebensspanne eines Menschen zu einem Sinn hin entwickelt. Ich werde die Aufmerksamkeit für mein Leben zurückziehen, falls sich kein Sinn zeigen sollte. Meine Melancholie über den fehlenden Sinn ist mir vertrauter als das sinnlose Warten auf die Verbesserung von . . . ach, ich habe keine Lust, über diese törichten Dinge weiter nachzugrübeln.“

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