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Die Billers : Verwandte sind peinlich

  • -Aktualisiert am

Einer von mehreren schreibenden Billers: Maxim Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Sohn erzählt auf deutsch Burlesken über Impotenz, die Tochter auf englisch über jüdische Pin-Up-Girls, die Mutter auf russisch ihre Lebensgeschichte: Elena Lappin und Rada und Maxim Biller - eine schreibende Familie.

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          Sie wurden als Weltpremiere angekündigt: die Billers. Mutter Rada Biller, Tochter Elena Lappin und Sohn Maxim Biller präsentierten sich unter einer Tafel mit der Aufschrift „Die schreibende Familie“ als Zirkel lesender Familienmitglieder. Ort des Geschehens: das Jüdische Museum in Berlin, wo derzeit eine Ausstellung über „Familienbilder im jüdischen Bürgertum“ gezeigt wird.

          Auf großen Ölgemälden kann man dort die Familie des Kaufmanns Moritz Mannheimer, des Gründerzeit-Eisenbahnmagnaten Bethel Henry Strousberg, des Pressezaren Rudolf Mosse oder des Malers Max Liebermann betrachten und erkennen, was die Deutschen 1933 bis 1945 mit dem Judentum zerstörten: ihre bürgerliche Kultur, ihre künstlerische und ökonomische Elite. An diesem Abend ergänzten die Billers als lebendes Familienbild das historische Panorama und verlängerten mit Witz und Sarkasmus, denn anders geht es nicht, die deutsch-jüdische Geschichte bis in die europäische Gegenwart.

          Englisch, russisch, deutsch

          Rada Biller wurde als Tochter einer jüdisch-armenischen Familie in Baku geboren. In den fünfziger Jahren übersiedelte sie mit ihrem Mann aus Moskau nach Prag. Hier wurden Elena und Maxim geboren. Im Jahr 1970, nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“, emigrierte die Familie nach Deutschland. Elena Lappin zog später weiter nach London. Sie schreibt auf englisch, weil Deutsch für sie nicht in Frage kam. Maxim Biller blieb beim Deutschen, die Mutter schreibt auf russisch. Wie günstig, daß der nicht schreibende Vater als Übersetzer arbeitet und, wie zu hören war, einst mit Gorbatschow unterwegs war.

          Rada Billers autobiographischer Roman „Melonenschale“ resümiert den Weg durch diese Stationen des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit starkem Akzent las sie Ausschnitte daraus vor. Als junges Mädchen sah man sie durch die Trümmerlandschaft des kurz zuvor befreiten Stalingrad gehen, wo unter Ziegelbergen noch die Leichen der deutschen Soldaten und der russischen Einwohner liegen. Sie endete mit der Ankunft in Hamburg, das weniger als Stadt in Deutschland denn als „der Westen“ schlechthin erschien.

          Nataschas Nase

          Das ist der Hintergrund, vor dem Elena Lappin und Maxim Biller ihr satirisches Talent und ihren Spott entfalten. „Die Nase“ (in deutscher Übersetzung „Nataschas Nase“) heißt Elena Lappins jüngster Roman. Diesen hierzulande rasch unter Antisemitismusverdacht stehenden Titel trägt in ihrem Buch eine jüdische englische Zeitschrift. Natascha wird Chefredakteurin der „Nase“, obwohl oder weil sie im Vorstellungsgespräch unorthodoxe Ideen entwickelt und für ein jüdisches Pin-up-Girl zur Auflagensteigerung plädiert. Ihr Bruder ist Klatschkolumnist aus New York. Wer will, darf dabei an Maxim denken. Er rät dringend ab: Eine Zeitschrift, die seine Schwester einstellt, kann nicht professionell sein.

          Maxim Biller schließlich bedankte sich erst einmal artig bei seinen Eltern dafür, daß sie ihm so viel beigebracht hätten, bei der Schwester dafür, daß sie ihn zum Schreiben anspornte, beim Jüdischen Museum für diesen schönen Abend, beim Sponsor „Brigitte“ fürs schöne Honorar und bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dafür, daß sie ihm seit drei Jahren eine Kolumne und in dieser Kolumne alle Freiheiten einräume.

          Hohn und Impotenz

          Ein paar dieser kurzen Geschichten, deren Helden Hornstein, Bernstein oder Kaminer heißen und mit Erektionsproblemen zu kämpfen haben, trug er nun vor. Es sind derbe, grob geschnitzte Burlesken, in denen Deutsche und Juden gleichermaßen dem Hohn oder der Impotenz preisgegeben werden. Eine Klezmerband nennt sich „Die Unvergasten“. Ein jüdischer Vater spielt im Wohnzimmer mit dem Pfefferstreuer den israelischen Rückzug aus Gaza nach. Ein jüdischer Schwiegersohn in spe wird von den christlichen Brauteltern zum Osterfest eingeladen und findet im Nest, das er im Garten suchen muß, neben fünf gelben Nestlé-Eiern einen Bildband über jüdische Friedhöfe in Niedersachsen. Kein Wunder, daß aus der Ehe nichts wird.

          Das Publikum im Jüdischen Museum lachte dankbar über diese Scherze. Auch Rada Biller amüsierte sich sichtlich über die Kapriolen ihres Sohnes. „Mutter haßt meine Kolumne, weil so viele Sauereien drin vorkommen“, behauptete Maxim Biller. Familiäres allerdings wollte sich keines der drei Familienmitglieder entlocken lassen. Was dann doch mitgeteilt wurde, klang wie ausgedachte Geschichten und zerschellte rückstandslos im grellen Gelächter der Mutter.

          Geschäft bei Ebay

          Elena Lappin berichtete, daß es sie erstaunt habe, als ihr Bruder zu schreiben begann. Weniger überrasche es sie, daß er neuerdings auch singe. Früher habe er eigene Tapes gemacht, sich sozusagen als DJ betätigt. Einige dieser Bänder habe sie noch. Sie werde sie demnächst bei Ebay versteigern. Die Mutter schüttete sich aus vor Lachen. Ob es nicht peinlich sei, schreibende Verwandte zu haben? Nein, lautete die Antwort: „Es ist peinlich, Verwandte zu haben.“

          Zu erfahren war dann noch, daß die Eltern russisch miteinander reden, die Kinder aber tschechisch. Da meldete sich ein älterer Herr im Publikum, bei dem es sich eigentlich nur um den nicht schreibenden Vater handeln konnte. „Mit dem Hund“, sagte er, „sprechen wir auch tschechisch.“ Die Mutter ergänzte: „Aber er schreibt auf englisch.“ Und Maxim: „Singen will er bisher noch nicht.“ Elenas Kinder können übrigens schon lesen und schreiben. Und Maxims Tochter hat bereits begonnen zu komponieren. Da kommt noch einiges auf uns zu. Die Mutter lachte.

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